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Bremens Bildungssystem : Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß

  • -Aktualisiert am

Bewegtes Klassenzimmer: In einer Bremer Oberschule sitzen die Schüler auf Ergometern. Bild: dpa

In Bremens Bildungsressort liegt vieles im Argen. Das zeigte jetzt ein aktueller Bericht des Landesrechnungshofs zu Ersatzschulen deutlicher denn je. Wie soll es weiter gehen?

          Bremens Bildungsressort ist seit Jahrzehnten fest in roter Hand. Derzeit wird es (noch) von Claudia Bogedan geführt. Die 44 Jahre alte Bildungssenatorin stammt aus Limburg an der Lahn und wurde in Sozialwissenschaften an der Uni Bremen promoviert. Bevor sie 2015 zur Bildungssenatorin im Senat Sieling berufen wurde, wirkte die ehemalige Referentin der Hans-Böckler-Stiftung und verheiratete Mutter zweier Kinder fünf Jahre im Landesvorstand der SPD von Nordrhein-Westfalen.

          Dass Bogedan an der Weser schwierige Verhältnisse vorfinden würde, dürfte ihr bei Amtsantritt klar gewesen sein. Bei überregionalen Leistungsvergleichen findet sich das kleinste Bundesland stets auf den hinteren Rängen, wenn nicht auf dem letzten Platz. Viele Schüler erreichten dabei keine Mindeststandards. Die diversen Pisa-Studien zeigten kein besseres Bild. Ebenso wenig die Vera-Vergleichsarbeiten an den Grundschulen, die Lese- und Rechenfähigkeiten der Schüler abbilden. Und wie reagierte die keineswegs zimperliche Bildungssenatorin? Ganz einfach, die Grundschüler brauchten in diesem Jahr keine Vera-Tests zu schreiben, die verpflichtende Teilnahme wurde ebenso wie in Niedersachsen aufgehoben. Dadurch stemmt sich das kleinste Bundesland zwar gegen eine Vereinbarung der Länder mit der Kultusministerkonferenz, aber, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Dieses Motto scheint in Bremen ohnehin eher Regel als Ausnahme zu sein. Insofern knüpft die Ära Bogedan nahtlos an die ihrer Vorgänger an. Jedenfalls hat das Bildungsressort erst jetzt – und damit nach monatelangem Zögern – die Abiturdurchschnittsnoten der 40 Schulen mit gymnasialer Oberstufe für die vergangenen vier Jahre ins Netz gestellt – und damit laut Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit viel zu spät.

          Den Stein ins Rollen brachte eine Mutter, die auf der Suche nach einer weiterführenden Schule für ihr Kind nach der vierten Klasse war. Sie erkundigte sich bei einzelnen Schulen nach den Abi-Noten, bekam dort allerdings zu hören, dass die Schulleitungen diese selbst nicht kannten. Einzig die Note des privaten Ökumenischen Gymnasiums (ÖG) war der Mutter „aus der Zeitung“ bekannt, schrieb der „Weserkurier“. Deswegen fragte sie beim Bildungsressort nach und berief sich auf das seit 2005 existierende bremische Informationsfreiheitsgesetz (IFG). Eine Antwort der Behörde? Fehlanzeige. Erst nachdem die Mutter die Bremer Datenschutzbeauftragte eingeschaltet hatte, änderte sich die Lage.

          Die ideologische Zwangsjacke

          Seit kurzem kann nun also auch in Bremen – genau wie in anderen Bundesländern schon länger – jeder schwarz auf weiß sehen, welchen Abi-Schnitt die einzelnen Schulen haben. Vor allem kann nun auch jeder erkennen: An der Leistungsspitze steht seit Jahren keine der vom roten Ressort gehätschelten Gesamt- oder Oberschulen, an denen die Schüler 13 Jahre Zeit haben bis zum Abitur und mit nur 25 Schülern pro Klasse lernen, sondern das Ökumenische Gymnasium (ÖG). Und damit eine leistungsorientierte Privatschule, die den Stadtstaat zwar wenig kostet, weil Bremen auch bei den staatlichen Zuschüssen bundesweit auf den hinteren Rängen spielt, die aber bei Pisa und anderen Vergleichstests gern mit ins Boot geholt wird, weil sie den miserablen Bremer Durchschnitt aufpoliert. Um den Gymnasien insgesamt das Leben noch ein bisschen schwerer und sie damit bei Eltern unbeliebter zu machen, hat man ihnen übrigens die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren (bislang) untersagt, dafür aber die maximale Klassengröße auf 30 Schüler hochgeschraubt. Eine zweite Fremdsprache ist nur für Gymnasiasten, nicht für Oberschüler verpflichtend.

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