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Schülerpraktikum bei der EU : Ich verstehe diese Europaskepsis nicht

  • -Aktualisiert am

Der Autor vor der Fotowand für offizielle Besuche und Empfänge im Brüsseler Parlament. Das erkennt man am blauen Teppich – der in Straßburg ist rot. Bild: Marcel von Brasche

Für Schüler ist das Zusammenspiel der europäischen Institutionen nicht leicht zu durchschauen. Unser Autor wollte sich ein eigenes Bild machen – und wurde Praktikant in Brüssel. Seine Eindrücke sind gespalten.

          Im Rahmen des Politikunterrichts in der Oberstufe hat mein Kurs am 64. Europäischen Wettbewerb teilgenommen. Dies ist der älteste europäische Schülerwettbewerb für nahezu alle Jahrgangsstufen. Bei der Preisverleihung hielt ein Abgeordneter aus dem Europäischen Parlament eine Rede und erklärte unter anderem seine Vorstellung vom zukünftigen Europa. Diese stimmte zum Teil mit meinen Überzeugungen überein, sodass mein Interesse daran stieg, einen besseren Einblick in die europäischen Institutionen zu bekommen. Als wir mit unserem Politikkurs später eine Exkursion nach Brüssel unternahmen, bei der wir den Abgeordneten besuchten, nutzte ich die Gelegenheit und bewarb mich um ein Praktikum nach dem Abitur. Die Zusage bekam ich dann wenige Wochen später per Mail.

          Bevor ich im Oktober wegen des Praktikums für einen Monat nach Brüssel zog, erzählte mir eine Bekannte, dass sie das sehr spannend finde – die EU sei irgendwie allgegenwärtig, sie bekomme aber trotzdem nicht wirklich etwas von der Politik mit, die in Brüssel gemacht werde. Sie freue sich schon darauf, von meinen Erfahrungen und Einblicken dort zu hören. Diese Beobachtung finde ich ziemlich passend für das generelle Problem der EU in ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Sämtliche Sitzungen und Ausschüsse werden live im Internet übertragen und sind auch im Nachhinein gut einsehbar – solch eine Transparenz gibt es nicht im Bundestag –, aber dennoch bekommen die meisten Menschen nichts von der politischen Arbeit aus Brüssel mit.

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          Unaufgeräumtes Zentrum im Praktikantenleben: die WG-Küche

          Auf Facebook gibt es viele Gruppen, in denen sich Praktikanten in Brüssel austauschen können. So ist es auch möglich, mit etwas Glück an eine gute Unterkunft zu gelangen. Nach einer Woche, in der ich außerhalb von Brüssel wohnte, hatte ich Glück und kam durch einen Tipp in ein großzügiges Haus, von dem aus das Parlament innerhalb von fünf Minuten zu Fuß zu erreichen ist. Dort lebte ich mit sieben jungen Menschen aus ganz Europa zusammen. Nicht nur wegen des kulturellen Austauschs ist eine WG für Praktikanten sehr zu empfehlen. Es kann schnell passieren, dass man sich in einer neuen Stadt alleine fühlt. Wenn man dann auch noch der einzige Praktikant im Büro ist, verstärkt sich dieses Gefühl. Da sind abendliche Gespräche in der WG-Küche genau das Richtige gegen die Einsamkeit in einer Großstadt.

          Brüssel selbst ist eine sehr internationale Stadt, von der Architektur bis zu den Menschen lässt sich das erleben. Es gibt hier viele Studierende aus allen Ländern, unterschiedlichste Sprachen hört man im Alltag, die Atmosphäre ist insgesamt sehr angenehm, auch wenn es heißt, dass die Locals etwas gegen die europäischen Institutionen hätten, da sie die Stadt grundlegend verändert haben.

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          Das Parlament selbst besitzt gewissermaßen zwei Gesichter: Eins für Besucher, als ehrwürdiges Haus mit Skulpturen und Gemälden, und eins als Arbeitsplatz. Sieht man das Parlament als Arbeitsplatz, verliert es schnell an Prestige. Es ähnelt mehr einem Flughafen mit Duty-free-Shops und Metalldetektoren; es dauert einige Tage, sich in dem Komplex, bestehend aus drei miteinander verbundenen Gebäuden, zurecht zu finden. Es gibt endlose Gänge mit Büros für Abgeordnete, Sitzungssäle, und für Praktikanten am wichtigsten: die Bibliothek. Hierhin ziehen sie sich zurück, da es in den kleinen Büros meist keinen Arbeitsplatz für Praktikanten gibt.

          Wie viele Praktikanten ein Abgeordneter hat, ist sehr unterschiedlich. Einige haben maximal zwei im Jahr, andere bis zu sechs im Monat. Unterschiede gibt es auch in der Bezahlung. Teils werden unbezahlte Praktika angeboten (darunter fiel meins), andere Abgeordnete zahlen 1.300 € im Monat. Kompromisse werden gemacht, um möglichst vielen jungen Menschen einen Einblick ins Parlament geben zu können. Unbezahlte Stellen haben allerdings den Nachteil, dass sie nur für die in Frage kommen, die es sich leisten können.

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