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Schlechte Lernmethoden : Was in aller Welt hat ein Nomen mit einem Dreieck zu tun?

  • -Aktualisiert am

Ohne viel Gedöns, nur mit den Fingern: Ein zehnjähriges Mädchen wird auf Dyslexie und Dyskalkulie getestet. Bild: Picture-Alliance

Nicht die Schüler sind zu dumm, sondern die Methoden: Das Lernen wird durch die Vereinfachungen der Erwachsenen nicht leichter, sondern oft sogar sehr viel schwerer.

          Obwohl seit mehreren hundert Jahren über das Lehren und Lernen nachgedacht wird, scheint es schwieriger denn je, durchschnittlich begabten Schülern die elementaren Fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens sicher zu vermitteln. Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, dass Schüler es leichter hätten, wenn weniger Didaktiker weniger nachgedacht hätten. Die Folgen dieses Nachdenkens führen zu einem Boom von Nachhilfeinstituten, zu Heerscharen von Nachhilfelehrern und sorgen für steten Nachschub in meiner Lerntherapiepraxis, ich müsste also dankbar sein.

          Wenn mir die Eltern gegenübersitzen, fällt mir das aber immer wieder schwer. Denn Lerntherapie ist keine Kassenleistung. Individuelle Lerntherapie ist teuer. Entgegen gängigen Klischees sind Eltern, die sich das für ihre Kinder leisten, weder von Ehrgeiz zerfressen noch besonders reich, sondern in erster Linie verzweifelt.

          Eine meiner Haupttätigkeiten besteht darin, die Folgen des Lesen- und Schreibenlernens anhand der Druckschrift zu beheben. Doch auch das nach außen so spielerisch anmutende Frühenglisch produziert immer mehr Unsicherheit. Ziel des Unterrichts in Frühenglisch ist Hörverstehen und Kommunikationsfähigkeit. Vokabeln werden nicht gelernt, Englisch soll Spaß machen. Leider funktioniert dieser Spaß bei den Schülern, die zu mir kommen, oft nicht. Wörter wie „apple“ werden zwar erfreulich korrekt ausgesprochen, doch schon beim Aufzählen der Körperteile werden Schüler ähnlich unsicher wie ich beim Wiederholen unbekannter Namen, die ich nicht geschrieben vor mir sehe. Beim Sprechen von Sätzen steigert sich diese Unsicherheit dann oft zu einem undefinierbaren Sprachbrei. Das „th“, für das man eigentlich reichlich Zeit hätte, wird dagegen gern den weiterführenden Schulen überlassen. Stattdessen wird ein d gesprochen, bisweilen sogar noch von Schülern der sechsten und siebten Klasse.

          Nun stört es einen durchschnittlichen Schüler wenig, wenn er etwas nicht richtig kann. Das ändert sich jedoch schlagartig, wenn eine Klassenarbeit über das Thema ansteht, und im Frühenglisch der vierten Klasse werden durchaus Klassenarbeiten geschrieben. Schüler sollen es dann ohne Vokabellernen und ohne systematischen Grammatikunterricht fertigbringen, die richtigen Wörter und Verbformen in einen Lückentext einzutragen, den sie bestenfalls zur Hälfte verstehen. Meist stehen die passenden Wörter und Verbformen zur Auswahl, so dass die gängigste Strategie ein von diffusem Bauchgefühl unterstütztes Raten ist. Interessanterweise haben diejenigen Kinder die geringsten Probleme, die gegen die Vorgaben des Lehrplans ganz normal Vokabeln und Verbformen lernen müssen. Der Vorsprung dieser Kinder in der 5. Klasse beträgt je nach Schulart drei bis sechs Monate.

          Schüler möchten Lernzeit sparen

          Befürworter des Frühenglischs sagen, die Missstände lägen daran, dass Frühenglisch oft von Lehrkräften unterrichtet werde, die kein Englisch studiert hätten. Aber genauso wenig wie die Theorie über die Defizite des real existierenden Sozialismus hinwegtrösten konnte, genauso wenig tröstet Eltern und Schüler ein Ideal des Englischunterrichts in der Grundschule, das mit der Realität viel zu selten etwas zu tun hat. Der Beginn des regulären Englischunterrichts in der fünften Klasse gleicht dann manchmal einer Offenbarung: „Jetzt macht mir Englisch Spaß. Jetzt weiß ich endlich, was ich sage“, erzählte mir eine Schülerin der fünften Klasse, die während der gesamten Grundschulzeit Frühenglisch hatte.

          Der Traum, eine Fremdsprache gewissermaßen durch Osmose in sich hineindiffundieren zu lassen, ist verlockend, aber mit zwei Wochenstunden nicht zu erreichen. Babys und Kleinkinder beschäftigen sich ihre gesamte wache Zeit mit Sprache. Dass schon die betreute Zeit in Kita und Schule für das Erlernen einer neuen Sprache knapp bemessen ist, zeigen die unzureichenden Deutschkenntnisse vieler Kinder mit Migrationshintergrund, die untereinander und privat nur in ihrer Muttersprache sprechen. Eltern erzählen mir bisweilen, dass sie mit der Englischlehrkraft gesprochen hätten und auch die der Auffassung sei, dass Frühenglisch so, wie es augenblicklich unterrichtet werde, wenig bringe und Schüler überfordere. Dass Baden-Württemberg Frühenglisch in Klasse 1 und 2 aufgibt, um die Stunden für intensiveren Deutsch- und Mathematikunterricht zu nutzen, ist aufgrund der fragwürdigen Erfolge des Unterrichts in Frühenglisch nur folgerichtig. Wenn ein Kind das Pech hat, im Hauptschulbereich zu landen, fällt das Verstehen mitunter weiterhin schwer. Ich habe schon Englischbücher ohne systematischen Grammatikteil gesehen, dafür mit knallbuntem und chaotischem Layout. Wer in so einem Buch findet, was er lernen muss, ist hochbegabt. Immer wieder begegne ich Schülern, die äußerst erstaunt sind, dass es im Englischen Regeln gibt.

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