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Forschung zu Pflegekräften : Mal ausgebeutet, mal unterfordert

In Frankfurter Kliniken soll inzwischen jede zweite neu eingestellte Pflegekraft ausländischer Herkunft sein. Bild: dpa

Ohne das Engagement von Kräften aus dem Ausland würde das Pflegesystem hierzulande kollabieren. Zwei neue Forschungsprojekte widmen sich „Care-Arbeiterinnen“ in Privathaushalten und Krankenhäusern.

          Sie kommen aus Warschau, Bukarest oder Bratislava und kümmern sich um alte Menschen in Frankfurt, Mainz oder Darmstadt. Manche haben in ihrer Heimat einen Uni-Abschluss erworben und arbeiten jetzt als Pfleger in einem deutschen Altenheim. Andere haben sich noch nie zuvor beruflich um Kranke gekümmert, versorgen jetzt Bettlägerige in privaten Haushalten und werden als rund um die Uhr einsatzbereite Helfer hochgeschätzt. Ohne das Engagement von Kräften aus dem Ausland würde das Pflegesystem hierzulande kollabieren. Diese noch recht junge Art von Arbeitsmigration bringt aber auch Schwierigkeiten mit sich, wie aktuelle Studien von Wissenschaftlern aus Mainz und Frankfurt deutlich machen.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Erziehungswissenschaftler Cornelia Schweppe und Vincent Horn von der Uni Mainz haben in einem dreijährigen Forschungsprojekt private Pflegearrangements untersucht. Deren Zahl hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Laut Hans-Böckler-Stiftung sind inzwischen rund 200.000 „Care-Arbeiterinnen“ aus Mittel- und Osteuropa in Deutschland tätig. Oft werden sie über Agenturen an Pflegebedürftige vermittelt. Während die Helferinnen früher meist aus Polen kamen, werden nun auch viele Rumäninnen und Slowakinnen beschäftigt.

          Professorin Schweppe und ihr Mitarbeiter Horn haben sowohl mit den Pflegerinnen als auch mit Familienangehörigen von Patienten gesprochen. Dabei zeigte sich, dass die fachliche Qualifikation der Frauen für ihre Arbeitgeber kaum eine Rolle spielte. Wichtig war laut Schweppe vielmehr, dass man gut miteinander klarkam – schließlich leben die Helferinnen oft mit dem Pflegebedürftigen unter einem Dach. Damit sind sie praktisch den ganzen Tag verfügbar, aber oft bekommen sie für ihre Dienste noch nicht einmal den Mindestlohn. Der „allergrößte Teil“ dieser Arrangements werde informell vereinbart, sagt Schweppe. „Im Grunde weiß das jeder, aber es wird nicht interveniert.“

          Familien werden mit Organisation allein gelassen

          Manchmal beschäftigen Familien auch mehrere Ausländerinnen, die gleichzeitig oder abwechselnd für den Patienten sorgen. Oft beteiligen sich zudem Angehörige an der Pflege – all das in der Absicht, dem alten Vater oder der Mutter das Heim zu ersparen. Ob Senioren auf diese Art gut versorgt werden, darüber lässt die Studie laut Horn keine Aussage zu. Er beklagt aber, dass das deutsche System der Altenpflege ein „Flickwerk“ sei, das vor allem die Familie in die Verantwortung nehme und sie mit der Organisation allein lasse. In den Niederlanden sei das anders: Dort gebe es ein gutes Netz ambulanter Dienste und anderer Hilfen für den Haushalt.

          Mit einer anderen Art von Pflegearrangements haben sich Wissenschaftler des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (Iwak) an der Goethe-Uni sowie des Instituts für Sozialforschung beschäftigt. In knapp 60 Interviews gingen sie der Frage nach, wie in deutschen Kliniken und Pflegeeinrichtungen die Zusammenarbeit mit Fachkräften aus dem Ausland funktioniert. Die Zahl dieser Arbeitsmigranten ist von 1500 im Jahr 2012 auf 8800 im Jahr 2017 gestiegen; in Frankfurter Kliniken soll jede zweite neu eingestellte Pflegekraft ausländischer Herkunft sein.

          Wie die Befragung ergeben hat, sind alle Beteiligten im Arbeitsalltag oft unzufrieden mit der Zusammenarbeit. „Differenzen und Missverständnisse werden immer wieder auf ,kulturelle Unterschiede‘ zurückgeführt, haben ihre Ursache aber woanders“, meint Iwak-Mitarbeiterin Sigrid Rand. In ihrer Heimat seien die Pfleger oft an Hochschulen ausgebildet worden, und sie könnten in den dortigen Krankenhäusern Aufgaben übernehmen, die in Deutschland Ärzten vorbehalten seien. Um die Körperpflege der Kranken oder Hilfe beim Essen kümmerten sich in anderen Ländern oft spezielle Servicekräfte oder Angehörige. Deutsche Klinikmitarbeiter reagierten oft mit Unverständnis, wenn es den ausländischen Kollegen an Wissen und Einsatzbereitschaft in der „Grundpflege“ fehle. Nicht selten seien die Migranten mit dem Arbeitsklima so unzufrieden, dass die Heime und Krankenhäuser sie nicht halten könnten. Manche kehrten dann in ihre Heimat zurück.

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