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Wiederaufbau von Notre-Dame : Wie man in den Wald hinaufruft

Notre-Dame nach der Zerstörung Bild: Reuters

Soll der hölzerne Dachstuhl von Notre-Dame restauriert werden? Der Historiker Jean-Claude Schmitt möchte Kirche und Kirchenbau trennen.

          Der Erinnerungsort als technischer Begriff der historischen Forschung bezeichnet einen Ort im Sprachgebrauch der Rhetorik, einen Topos. Genauer und paradox gesagt, freilich einen spezifischen Gemeinplatz: Die Erinnerungsgeschichte vollzieht bei ihren Ortsbegehungen einen ständigen Perspektivwechsel, findet die Arbitrarität des Zeichens begrenzt von der Materialität des Überrests. Der Reichtum des Konzepts lässt sich daher am besten an tatsächlichen Orten studieren. So hat in dem kommentierten Verzeichnis der französischen Nationaldenkmäler im erweiterten, demokratisierten Sinne, das Pierre Nora zwischen 1984 und 1992 in sieben Bänden unter dem Titel „Les lieux de mémoire“ herausgab, die Kathedrale Notre-Dame de Paris selbstverständlich ihren Eintrag, zwischen der Höhle von Lascaux und dem Eiffelturm.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In „Le Monde“ vom 23. April hat jetzt der Mittelalterhistoriker Jean-Claude Schmitt vorausgesagt, dass es in der wiederhergestellten Notre-Dame einen „Erinnerungsort“ des Brandes vom 15. April 2019 geben werde. Damit meint er keinen Ort im Wortsinn, kein Mahnmal, ohne ein solches auszuschließen. Es geht ihm vielmehr um den Stil des Wiederaufbaus. Den Restauratoren legt er nahe, eine „diskrete Markierung unserer Zeit“ anzubringen, eine anonyme Kollektivsignatur.

          Wie eine Kathedrale, die im Zuge der Baugeschichte um einen Kranz von Kapellen, kleinen Kirchen, erweitert wird, ihren Charakter als Kirche nicht einbüßt, sondern im Gegenteil durch die Vermehrung der Altäre noch steigert, so ist die Idee eines Erinnerungsortes am Erinnerungsort kein Zerfallsphänomen. Die kulturgeschichtliche Forschung, so die Prämisse von Noras großem Projekt, macht das reflexive Moment der nationalen Erinnerung explizit, ohne die Erinnerung dadurch zerstören zu wollen.

          Stilistische Einheit?

          Schmitt warnt davor, Notre-Dame in den Zustand versetzen zu wollen, den Eugène Viollet-le-Duc nach dem Vandalismus der Revolution herstellte. Schon Viollet-le-Duc habe unaufdringliche Zeichen des Geschmacks seiner Zeit hinterlassen; er habe gewusst, dass er auf keinen mittelalterlichen Originalzustand habe zurückgehen können. Ohne dass die Begriffe fielen, liegt Schmitts Rat eine aus der Bibelauslegung vertraute Maxime zugrunde: Man soll Viollet-le-Duc nicht buchstäblich kopieren, sondern dem Geiste nach.

          Aber kann so die Forderung der Überschrift des Artikels erfüllt werden, „das Pastiche des Pastiche“ zu vermeiden? Ist, wenn keine ganz neue Kirche gebaut werden soll, etwas anderes als ein Pastiche des Pastiche überhaupt möglich? Unter den Bedingungen der Selbstbezüglichkeit des historischen Wissens, die zu vergessen ein Opfer des Verstandes wäre, übersetzt das Pastiche zweiter Ordnung den um einen neuen Erinnerungsort angereicherten Erinnerungsort, der die neue Notre-Dame sein wird, in die Sprache der Kunst, der gewollten Gestaltung.

          In Schmitts polemischer Wendung gegen das Prinzip der Collage siegt das Geschmacksurteil über die historische Methode. Wenn er sich die Zeichen unserer Zeit diskret wünscht, als Zutat für Kenner, die den Gesamteindruck nicht stört, schlägt eine Präferenz für das Harmonische und Geschlossene durch, die Liebe zum klassischen Stil. Anders als in der Romantik lässt es der Stand der historischen Aufklärung heute nicht mehr zu, dass ein Wissenschaftler die erwünschte stilistische Einheit eines Bauwerks als organisches Ergebnis der baugeschichtlichen Entwicklung hinstellt. Da kein historischer Zustand des Gebäudes privilegiert werden kann, hat Schmitt, Schüler von Jacques Le Goff und als emeritierter Abteilungsleiter der École des hautes études en sciences sociales ein Gedächtnisverwalter der Historikerschule der „Annales“, zur Frage nach dem richtigen Wiederaufbau aus seiner fachlichen Expertise eigentlich gar nichts zu sagen. Es ist nur scheinbar widersinnig, dass ein Historiker fordert: „Lassen wir die Vergangenheit und die Gegenwart auf sich beruhen, denken wir an die Zukunft.“

          Primat des Brandschutzes

          In Form eines Gedankenexperiments tat das der Schriftsteller Marcel Proust in dem Artikel, den „Le Figaro“ als Beitrag zur Debatte um den Entwurf des Gesetzes zur Trennung von Kirche und Staat am 16. August 1904 unter dem Titel „La mort des cathédrales“ veröffentlichte. Proust bat seine Leser, sich eine Zukunft auszumalen, in der in den Domen keine Messen mehr zelebriert werden, so dass staatlich alimentierte Performancekünstler zur Unterrichtung des Publikums die liturgischen Handlungen nachspielen müssen. In den Augen von Proust kam die Umwidmung von Kathedralen zu Museen ihrer Zerstörung gleich, weil ihre Gestalt und ihr Schmuck keinen anderen Zweck hätten, als einen Raum für die Feier der christlichen Geheimnisse zu schaffen.

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