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Resolution von Münster : Es geht um unsere Sache

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Drittens erleben wir in europäischen Nachbarländern schon, wie rechtspopulistische Regierungen geschichtspolitische Vorgaben durchsetzen. In Polen werden Museen und Schulbücher durch Regierungsanweisungen umgestaltet und Gesetze erlassen, die das Ansehen der Nation vor kritischen Historikern und Historikerinnen schützen sollen. In Ungarn werden unabhängige sozial- und geisteswissenschaftliche Forschungseinrichtungen abgewickelt. Derartige Vorstöße berühren mittlerweile so stark die Freiheit der Wissenschaften, dass Schweigen unter Verweis auf die „Autonomie der Wissenschaften“ als keine angemessene Reaktion mehr erscheint. Vielmehr spricht einiges dafür, ausdrücklich für ihre Sicherung einzutreten.

Die bundesdeutsche Demokratie ist gefestigter als die späte Weimarer Republik und ihre sozioökonomische Situation eine andere. Allerdings haben die Entwicklungen in vielen Nachbarländern gezeigt, wie unerwartet schnell Regierungen kippen können. Auch die Reaktion auf die als „staatstragend“ verspottete Mitglieder-Resolution, nicht nur in sozialen Netzwerken, belegt diese Verschiebung der politischen Mitte – in der Sprache, den Zuordnungen und im Ton. Von der Geschichtswissenschaft wird „politische Neutralität“ eingefordert, aber mit politischen Argumenten, die von Lagerdenken geprägt sind. Fraglich ist, ob der Aufschrei, der die Resolution mit dem „Mord an Millionen Menschen“ verbindet (so Michael Wolffsohn in seinem an dieser Stelle vor einer Woche dokumentierten Brief an die Geschäftsführerin des VHD) oder als „linksliberale Komfortzone“ denunziert, nicht mehr zum Aufstieg von Rechtspopulisten beiträgt, als es angeblich die Erklärung des VHD tut.

Die Resolution fordert dazu auf, Ursachen für Gegenwartsprobleme zu erforschen. Blickt die Geschichtswissenschaft dabei mit ihren Forschungen zu stark auf die Rechte? Wenn man die Geschichtsschreibung zur Bundesrepublik betrachtet, sicherlich nicht. So liegen zahllose Studien zur Geschichte der Linken vor, sei es zu Achtundsechzig, zur RAF, zu marxistischen Splittergruppen und sozialen Bewegungen. Dagegen wurde der extremen Rechten, ihren Wehrsportgruppen oder Vereinigungen bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Selbst das bislang blutigste Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik, der von einem Rechtsextremen verübte terroristische Anschlag beim Oktoberfest 1980, hat bisher keine aktengestützte Aufarbeitung gefunden. Ein Grund dafür mag sein, dass viele Akten verschwunden und besonders lange gesperrt sind. Aber vielleicht schien die extreme Rechte bislang zu unbedeutend, um sich mit ihr auseinanderzusetzen. Mittlerweile wurde eine dreistellige Zahl von Menschen durch rechtsextreme Anschläge ermordet. Allein dies könnte und sollte das Thema relevant genug für die deutsche Geschichtswissenschaft machen.

Der erstarkte Rechtspopulismus betrifft die Geschichtswissenschaften also durchaus in ihrer Aufgabe „Gegenwartsprobleme besser wahrzunehmen und ihre Ursachen herauszuarbeiten“, wie die Resolution erklärt, aber auch hinsichtlich der Gefährdung der Grundlagen für eine freie Forschung. Es lässt sich noch nicht absehen, wie der Einzug von Rechtspopulisten in Parlamente und Aufsichtsgremien von Forschungsinstituten, Gedenkstätten oder Landeszentralen für politische Bildung historisches Arbeiten beeinflusst. Auf der Mitgliederversammlung meldeten sich davon schon Betroffene eindrücklich zu Wort. Die Resolution ruft dennoch nicht nur „gegen rechts“, sondern allgemein dazu auf, den Angriffen auf demokratische Institutionen durch die Analyse historischer Entwicklungen und durch das Einhalten bestimmter Grundsätze und Werte entgegenzutreten. Diskutieren wir weiter über die historischen Bedingungen unserer demokratischen Gesellschaft und den Beitrag, den die Geschichtswissenschaft dazu leisten kann!

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