https://www.faz.net/-gqz-9fi6p

Resolution von Münster : Es geht um unsere Sache

  • -Aktualisiert am

Die Anwesenden und Diskutierenden als Teil einer „linksliberalen Komfortzone“ zu bezeichnen hängt vom Sehepunkt ab. Eine solche, auf politische Lagerbildung angelegte Charakterisierung des VHD und seiner Mitglieder entspricht jedoch nicht der tatsächlichen Vielfalt im Verband und schon gar nicht den Zielen des gewählten Vorstands und Ausschusses, der das Fach in seiner ganzen epochalen und wissenschaftlichen Breite vertritt.

Profilierung mit geschichtspolitischen Vorstößen

Kritiker bezeichnen die Resolution als „regierungstreu“ oder interpretieren sie sogar als Verteidigung der Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel. Tatsächlich spricht sich die Resolution nicht für bestimmte Politiken aus, sondern ruft dazu auf, „durch die Analyse historischer Entwicklungen auch zur besseren Wahrnehmung von Gegenwartsproblemen beizutragen“. Sie erklärt Streit für essentiell für den Fortbestand der pluralistischen Gesellschaft und der demokratischen Institutionen, tritt aber auf der Basis historischer Erfahrungen und Einsichten für bestimmte Grundlagen ein: für eine historisch sensible Sprache, für parlamentarische Demokratie und pluralistische Streitkultur, für ein gemeinsam handelndes Europa, für Humanität und Recht im Umgang mit Migration sowie für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das sind wesentliche Elemente, auf deren Basis auch eine freie und nicht politisch gesteuerte geschichtswissenschaftliche Forschung möglich ist.

Welche Punkte fehlen oder anders zu gewichten sind und wie wir die Gegenwart im Lichte der Geschichte deuten, darüber sollten wir weiter debattieren. Eine solche inhaltliche Diskussion würde eine weitere Intention der Resolution erfüllen. Mit einem Verweis auf die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft die Wissenschaft und die historische Zunft zum „vor- und außerpolitischen Raum“ zu erklären und damit eine Diskussion über ihre allgemein- und auch verfassungspolitischen Grundlagen als „traurige Gedankenlosigkeit“ (Behrwald) abzulehnen, ist wenig überzeugend. Ebenso wurde unter Verweis auf Wortmeldungen in der Mitgliederversammlung der Vorwurf erhoben, die Historiker wollten sich der AfD „in den Weg“ stellen, und die einseitige Stoßrichtung „gegen rechts“ bedeute, dass „Antifaschismus wieder angesagt“ sei. Genauso wenig, wie sich die Resolution für eine Partei ausspricht, wendet sie sich explizit gegen eine Partei. Dass viele der Haltungen, gegen die sie sich ausspricht, in der AfD gepflegt werden, wurde nicht bestritten. Aber man findet solche Einstellungen nicht nur dort.

Sollen und dürfen sich Historiker zum aktuellen Rechtspopulismus und -extremismus äußern? Eingewendet wurde, dass dies eine Einmischung in tagespolitische Fragen sei. Der Erfolg rechtsextremer und -populistischer Bewegungen in Deutschland und Europa berührt jedoch in mehrfacher Hinsicht das Geschäft der Historikerinnen und Historiker. Denn erstens profiliert sich diese Rechte regelmäßig mit geschichtspolitischen Vorstößen, insbesondere mit der Relativierung der Verbrechen während des Nationalsozialismus und der Idealisierung der deutschen Nationalgeschichte. Dies fordert die Geschichtswissenschaft dazu heraus, derartigen Deutungen zu begegnen. Entsprechend tritt die Resolution der Verbandsmitglieder für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte ein.

Ursachen für Gegenwartsprobleme erforschen

Zweitens zeichnen sich die rechten Bewegungen durch eine Sprache aus, die an völkische Strömungen der zwanziger und dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts anschließt. Begriffe wie „Lügenpresse“, „Volksverräter“ oder der Kampf gegen die „internationalen Eliten“ haben hier ihren Ursprung. Gleiches gilt für den vermeintlich homogenen „Volkswillen“. Derartige historische Begriffe einzuordnen und zu bewerten ist durchaus eine Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Daher fordert die Resolution eine Sprache, die von derartigen demagogischen Ausgrenzungen absieht und pluralistische Auseinandersetzungen akzeptiert.

Weitere Themen

Topmeldungen

Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
Die Runde bei Maischberger

TV-Kritik: „Maischberger“ : Merkel for Future?

Ist Friedrich Merz der lachende Dritte in der Frage um die Kanzlerkandidatur? In der Runde um Sandra Maischberger konnte er seine Ansichten zum Umgang mit der AfD jedenfalls schon einmal kundtun. Daneben wurden unter anderem der Klimawandel und der Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke diskutiert.
Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.