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Resolution von Münster : Bedingungen möglicher Lektionen

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Auch eine Lehre der Geschichte: Manchmal sollten Historiker die Tinte halten. Bild: Getty

Können wir aus der Geschichte lernen, wie die Demokratie zu retten ist? Die politische Resolution von Münster verkennt die Voraussetzungen, unter denen Aussagen von Historikern über das Meinen hinauskommen.

          Die Nützlichkeit der Historie für ein Verständnis der eigenen Zeit bündelte sich seit der Antike im Satz historia magistra vitae, die Geschichte sei die Lehrmeisterin des Lebens. Geschichte biete die Möglichkeit, aus Erfahrungen anderer zu lernen, so lautete das Versprechen. Die Wirkungsmacht dieser Vorstellung hat Reinhart Koselleck mit einem schönen Beispiel illustriert. In einer Sitzung im preußischen Finanzministerium im Jahr 1811 verteidigte dessen Leiter Oelssen die Ausgabe von Papiergeld, um Schulden zu begleichen. Friedrich von Raumer, Sekretär des Staatskanzlers Hardenberg, argumentierte dagegen, als alle ökonomischen Argumente ins Leere liefen, historisch. „Aber Herr Geheimer Staatsrat, erinnern Sie sich doch, dass schon Thukydides erzählt, wie große Übel entstanden, weil man in Athen zu viel Papiergeld gemacht hatte.“ Diese Erfahrung sei allerdings wichtig, konzedierte Oelssen und gab nun nach, „um den Schein der Gelehrsamkeit festzuhalten“. So kommentierte Raumer seinen rhetorischen Erfolg süffisant, der zwar wusste, dass es in der Antike niemals Papiergeld gegeben hatte, aber in der Diskussion mit dem politischen Entscheidungsträger auf die Autorität des klassischen Historikers und zugleich die mangelhafte Schulbildung seines Gegenübers gesetzt hatte.

          Nicht auf die Autorität einzelner Personen, sondern auf jene der Historie an sich setzt die Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, die auf dem Historikertag in Münster beschlossen wurde. Es sei die „Pflicht“ der professionellen Geschichtskundigen, vor Gefährdungen der Demokratie zu warnen, es sei die „Aufgabe“ der Geschichtswissenschaft, „Grundhaltungen“ für ein demokratisches Miteinander zu deduzieren. Zu fragen ist: Kann „Geschichte“ als Wissenschaft diese politische Orientierungsleistung erbringen? Blickt man auf theoretische Selbstreflexionen der Geschichtswissenschaft zurück, so lässt sich eine Skepsis gegenüber dem in Münster emphatisch beschlossenen Anspruch nicht vermeiden.

          Die moderne Geschichtswissenschaft hat sich vom antiken Verständnis der historia magistra vitae entfernt. Ciceros prägnante Formel spiegelte ein Wirklichkeitsverständnis, welches von einem Kontinuum von Gegebenheiten und Erscheinungen ausging. Seit dem Epochenumbruch um 1800 prägt indes der Erfahrungswandel, der Bruch mit dem Gewohnten, den Vorstellungshorizont der Zeitgenossen. „Von anderen gemachte Geschichte verschafft, so viel sie auch geschrieben und studiert wird, selten politische Billigkeit und Weisheit: das lehrt die Erfahrung“, stellte Friedrich Perthes schon 1823 fest. Dass man aus Geschichte ganz verschiedenartige Schlussfolgerungen ziehen könne, wurde nun zum Gemeingut der Gebildeten. In diesem Sinne kommentierte Theodor Heuss 1932 in seinem Buch über Hitler die rassistischen Phantasiegewissheiten von Alfred Rosenberg: „Jeder Geschichtsdarstellung, die etwas beweisen will, gelingt der Beweis.“

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          Der Erkenntniswert von Geschichte kann demnach nicht in Erfahrungsanalogien liegen, sondern in methodischen Verfahren der Erkenntnisgewinnung. Das sind die „Bedingungen möglicher Geschichten“, mit denen Koselleck den Kern des wissenschaftlichen Erkenntniswerts moderner Geschichtsschreibung identifiziert hat. Diese können als Hypothesen formuliert werden, erfordern dann aber Theorien und Methoden und müssen empirisch überprüfbar sein. Sie haben sich dem „Vetorecht der Quellen“ zu stellen.

          Nicht nach Konstanten sollte die Historie deshalb fragen, sondern nach Bedingungen. Wenn Migration Gesellschaften per se und immer bereichert – gibt es Voraussetzungen, damit die Wirkung eintritt? Welche wären das? Im Sinne Fernand Braudels die Assimilation, die der Historiker des Mittelmeerraums und der Identität Frankreichs als entscheidend für „schmerzlose Einwanderung“ ansah? Oder im Sinne des Oxforder Ökonomen Paul Collier eine Trennung zwischen Flucht und Migration? Oder schlicht quantitative Dimensionen? Wenn man derartige Bedingungen nicht empirisch fundieren und methodisch sichern kann, bleiben alle Aussagen über Vergangenheit Meinungen, das heißt Glaubenssätze.

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