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Freiheit der Forschung bedroht : Der Historikerverband wendet sich von Max Weber ab

  • -Aktualisiert am

Gerhard Richters Foucaultsches Pendel in der Dominikanerkirche Münsters Bild: dpa

Mit seiner „Resolution zur gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie“ setzt der deutsche Historikertag die befriedende Wirkung der Unterscheidung von Politik und Wissenschaft aufs Spiel.

          Die in Münster verabschiedete Resolution des Historikerverbands wirft hinsichtlich ihres Inhalts und mit Blick auf ihre Entstehung Fragen auf. Letztere werden sicherlich im Verband, Erstere – so ist zu hoffen – in der tagespolitischen Diskussion erörtert werden.

          Darüber hinaus stellt sich aber das grundsätzlichere Problem, was es in einer Berufsorganisation und was es in der Gesellschaft bewirkt, wenn eine solche Organisation nicht als außerpolitischer Raum verstanden wird, in dem man sich um Zurückhaltung und politische Neutralität jenseits des Einsatzes für Belange der eigenen Berufsgruppe bemüht – jedenfalls solange die Bundesrepublik eine stabile Demokratie ist, wie es die Resolution ausdrücklich feststellt.

          Zurückhaltung bedeutet dabei natürlich nicht die Bewahrung eines professoralen Habitus, der sich über die Niederungen des politischen Streits erhaben wähnt – um so weniger, als genau dieser Habitus in früheren Zeiten gerade dezidiert antidemokratische Haltungen bemänteln konnte. Er ist längst Geschichte, und er spielte in Münster auch keine Rolle. Und dass politische Interventionen von Einzelnen oder Gruppen in einer Demokratie erwünscht sind, ist zu banal, um es auszusprechen. Doch es sind mindestens zwei andere Argumente, die mit Blick auf den Historikerverband für Zurückhaltung und das Bemühen um Neutralität sprechen.

          Verband verliert seinen unparteilichen Charakter

          Rasch sollte sich Einigkeit herstellen lassen über das erste Argument, denn seine Berechtigung erweist sich ja schon in diesen Tagen: Die Petition sah sich dem Vorwurf der bewussten (oder gar nicht mehr reflektierten) Einseitigkeit gegenüber. Wird diese Kritik von der rechten Seite des politischen Spektrums geäußert (erste Stimmen haben sich ja schon erhoben), dann wird den Kritikern entgegengehalten werden, diese Kritik sei unehrlich; man wolle sich nur in eine Opferrolle flüchten.

          Diese Spirale ist so durchsichtig, wie sie unentrinnbar ist, auch deswegen, weil sehr schnell die persönliche Integrität einzelner Protagonisten in Frage steht. Wenn sich mit dieser Petition der Wunsch verbunden haben sollte, nun endlich – ein für alle Mal! – mit der vollen Autorität des Verbandes aus ihr herauszufinden, dann verkannte dieser Wunsch die Schwingungsmechanik von Pendelbewegungen ebenso wie alle jüngeren Beispiele für entsprechende Prozesse, nicht nur in den Vereinigten Staaten unserer Tage.

          Eine politische Auseinandersetzung in den Verband hineingetragen zu haben, auf die dieser in der konkreten Situation nicht vorbereitet war, für die er aber auch allgemein gar kein geeignetes Forum ist, bleibt eine schwer verständliche Entscheidung seines Vorstands. Nach innen droht die Politisierung von Personal- und Sachentscheidungen, die eigentlich nach anderen Kriterien fallen sollten. Nach außen aber droht die Autorität einer auf Neutralität bedachten Institution Schaden zu nehmen: Sollte irgendwann einmal ein Minister den politisch unbequemen Leiter einer Gedenkstätte entlassen: Der laute Protest des Verbandes, der zuverlässig folgen würde, sähe sich unweigerlich dem Einwand der Parteilichkeit gegenüber.

          Und sollten einmal an deutschen Universitäten politische Agitatoren die Lehre stören: Wäre das entschiedene Eintreten, das man vom Historikerverband gegen solche Drangsalierungen zu Recht erwarten dürfte, nicht noch überzeugender, wenn er als politisch völlig neutraler Wahrer der Freiheit von Forschung und Lehre auftreten könnte? Schon Überlegungen der politischen Opportunität sprachen gegen die Resolution des Historikertages.

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