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Freiheit der Forschung bedroht : Der Historikerverband wendet sich von Max Weber ab

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Die Wichtigkeit vor- und außerpolitischer Räume

Gewichtiger ist indes noch ein zweiter Einwand, der über die Sphäre des Politischen hinausweist und der eine ausführlichere Darlegung verdient hätte. Es gehört zur funktionalen Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft, dass sie neben der Arena des Politischen vor- und außerpolitische Räume kennt, die als autonom gedacht sind: Berufsverbände gehören dazu ebenso wie Sportvereine oder Unternehmen, die Justiz ebenso wie die Universität.

Wer in den Kategorien gesellschaftlicher Modernisierung denkt, wird die Ausdifferenzierung dieser gesellschaftlichen Subsysteme als konstitutiv für eine moderne Gesellschaft verstehen. Das autonome Funktionieren des Subsystems Wissenschaft wird nicht nur durch Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert. Genauso wichtig ist seine epistemologische Grundlage, die innerwissenschaftliche Verständigung auf Argument und Streit, aber auch auf Offenheit und Ungewissheit als Elemente von Wissenschaft. Spätestens seit Max Weber ist klar, dass dies das genaue Gegenteil von Politik ist, die auf Entscheidung abzielen muss – und von Resolutionen, die Eindeutigkeit verlangen.

Der Resolutionstext verdeutlicht dieses Dilemma, wenn er dem Phänomen Migration bescheinigt, „die beteiligten Gesellschaften insgesamt bereichert“ zu haben. Wie wollte man dieses „insgesamt“ berechnen? Seit wann ist es überhaupt Aufgabe historischer Forschung, ihren Gegenstand mit Werturteilen einzuordnen?

Autonomie unbedacht aufs Spiel gesetzt

Ein entscheidender Punkt kommt hinzu. Betrachtet man die Existenz vor- und außerpolitischer Räume aus historischer Perspektive, so wird rasch deutlich, dass es sich keineswegs ein neues Phänomen handelt. So hat der Althistoriker Robert Markus zeigen können, wie im vierten Jahrhundert nach Christus gleichzeitig mit dem Aufstieg des Christentums zur kaiserlich privilegierten und später zur Staatsreligion das Konzept des „Säkularen“ entsteht. Die Ausprägung religiös neutraler, „weltlicher“ Räume wie Politik und Hof, eingeschlossen die klassische Bildung und die gebauten Monumente der gemeinsamen Geschichte, trug wesentlich zur Befriedung einer religiös zerrissenen Gesellschaft bei.

Eine solche Ausbildung von Räumen, die dem politischen Streit weitgehend entzogen sind, lässt sich immer wieder beobachten: bei der Entstehung der frühneuzeitlichen Naturwissenschaft, im Zusammenhang der Herausbildung einer autonomen Rechtspflege – mehrfach und mit ganz unterschiedlichen Protagonisten – in der Geschichte Europas und auch in der Geschichte unseres Faches, das sich in einem jahrhundertelangen Prozess aus religiösen, politischen und philosophischen Legitimationszusammenhängen gelöst hat.

Solche autonomen Räume nicht als automatisch entstehende Phänomene sozialer Ausdifferenzierung im Prozess der Modernisierung zu interpretieren heißt aber auch: die Möglichkeit zu erkennen, dass ihre Autonomie – und damit ihr befriedender Effekt – wieder verlorengehen kann. Die These sei gewagt, dass ein solcher Verlust gegenwärtig nicht nur die Geschichtswissenschaft bedroht.

Die Kälte einer systemtheoretisch oder epistemologisch begründeten Autonomie von Wissenschaft mag nicht jedem behagen. Aber die befriedende Qualität von vor- und außerpolitischen Bereichen, die integrative Wirkung, die von „reiner“ Wissenschaft und vielleicht besonders von der Geschichtswissenschaft nur dann ausgehen kann, wenn diese sich nicht als praeceptrix Germaniae geriert, sich überhaupt kein tagespolitisches Ziel setzt – diese Qualität so unbedacht aufs Spiel zu setzen auf einem Historikertag, der „Gespaltene Gesellschaft“ als sein Motto gewählt hatte: das war eine traurige Gedankenlosigkeit.

Ralf Behrwald lehrt Alte Geschichte an der Universität Bayreuth

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