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Kosellecks Zettelwissenschaft : Gerechtigkeit ist kein Vergnügen

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Asche zu Asche, Wort für Wort: Kosellecks Kiste. Bild: Jens Tremmel, DLA Marbach

Eine Tagung im Deutschen Literaturarchiv Marbach räumt den Verdacht aus der Welt, dass die „Geschichtlichen Grundbegriffe“ von Reinhart Koselleck nur ein Produkt der Bonner Republik gewesen sein könnten.

          La Paloma“, „Montan-Union“, „Sonne von St. Felix“. So hießen einige der Zigarrensorten, die von der Schwetzinger Firma August Neuhaus & Cie. vertrieben wurden. „Auch der Jugend ist Zigarre oder Zigarillo ein selbstverständlicher Begleiter.“ So steht es in einer Broschüre, die das Unternehmen im Jahr 1961 anlässlich seines fünfundsiebzigjährigen Bestehens publizieren ließ. Hinter ihm lag eine Geschichte, die weit weniger wechselhaft verlaufen war, als die unruhigen politischen Zeiten zwischen Kaiserreich und Bonner Republik nahelegen könnten. Sicherlich, es hatte Kriegsschäden gegeben. Wahrscheinlich profitierte man zwischenzeitlich auch, wie Frank-Uwe Betz zeigen konnte, von Zwangsarbeit. Aber nach der Bombardierung der Stammfabrik und der Sicherung der Produktionsmittel „vor fremdem Zugriff“ bei Kriegsende kamen, wie in der Broschüre stolz vermerkt wurde, schon Ende Mai 1945 „wieder die ersten Zigarren aus den Filialen“. Geschlossen wurde die Schwetzinger Betriebsstätte erst 1986, als eine neue Generation von Konsumenten sich tatsächlich schon längst anderen Genussmitteln verschrieben hatte.

          Immerhin hat es ein Produkt von August Neuhaus & Cie. geschafft, eine Bleibe im Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu finden. Anlässlich einer Tagung, die sich mit Reinhart Koselleck und der Begriffsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts befasste, stellten Ulrich Raulff und Jan Eike Dunkhase dieses Objekt der Öffentlichkeit vor. Es handelt sich um ein hölzernes Zigarrenkästchen der Sorte „Liebeslied“. Ein balzender Auerhahn dominiert das Innenleben. Die Familie Kosellecks hat das Kästchen im November 2017 dem Literaturarchiv übergeben – sein Nachlass wird dort seit 2008 aufbewahrt.

          Intellektuelle Kampfmittel der bürgerlichen Klasse

          In dem Kästchen findet sich, natürlich, keine Zigarre. Es finden sich aber auch keine Aufzeichnungen über die konjunkturellen Zyklen der tabakverarbeitenden Industrie, wie man sie im Zettelkasten von Kosellecks Bielefelder Kollegen Hans-Ulrich Wehler suchen würde. Vielmehr birgt es Skizzen und Notizen, die Koselleck um 1951/52 anlegte, als er an seiner Heidelberger Dissertationsschrift arbeitete, aus der das Buch „Kritik und Krise“ wurde. Ein horizontal und vertikal mit „Krise 18. Jh.“ und „FRONT 18. Jh.“ überschriebener Zettel konfrontiert das miteinander, was Koselleck später, in Fortführung der harten Dualismen seines Mentors Carl Schmitt, als symmetrische und asymmetrische Gegenbegriffe zu theoretisieren suchte. Die „Anarchie“ steht hier der „Freiheit“ gegenüber, das „Vergnügen“ der „Gerechtigkeit“ und die „Zivilisation“ der „Wildnis“.

          Begriffe waren für Koselleck nie nur bloße Ausdrucksformen, sondern immer auch Medien der weltanschaulichen Auseinandersetzung: „intellektuelle Kampfmittel der bürgerlichen Klasse“, wie Ulrich Raulff es zugespitzt formulierte. Sie als solche zu analysieren lag dem Lexikon der „Geschichtlichen Grundbegriffe“ als Idee zugrunde. Das ist allerdings lange her. Wie könnte ein vergleichbares, wiewohl methodisch und theoretisch erneuertes Projekt aussehen, das genau dort ansetzen wollte, wo die „Geschichtlichen Grundbegriffe“ nur „Ausblicke“ zu bieten hatten, also im zwanzigsten Jahrhundert? Dies war eine der Fragen, die auf der von Harry Liebersohn (Urbana) und Anson Rabinbach (Princeton) konzipierten Tagung diskutiert wurden. Pläne für ein solches Projekt werden gegenwärtig am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin ventiliert. Aus diesem Zusammenspiel zwischen Historisierung und Aktualisierung bezog die Veranstaltung ihre Vitalität.

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