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Kosellecks Zettelwissenschaft : Gerechtigkeit ist kein Vergnügen

  • -Aktualisiert am

Fortschreitenden Verwissenschaftlichung des Sprachhaushalts

Kosellecks Semantik historischer Zeiten ist in ihrer Genese selbst ein Produkt ihrer Zeit. Wissenschaftsgeschichtlich gesehen ist damit zwar eine triviale Aussage getätigt. Dies im Detail aufzuzeigen ist aber alles andere als ein leichtes Unterfangen. Denn damit wird derjenige, der seine Zeit zu analysieren scheint, selbst zum Symptom dieser Zeit. Ist eine pathologische Deutung einer in ihre Zeit gestellten Lebensarbeit unausweichlich? Mit dieser Problematik befassten sich Stefan-Ludwig Hoffmann (Berkeley) und Jeffrey Barash (Paris). Hoffmann plädierte angesichts der das gesamte Werk Kosellecks prägenden Bezüge auf dessen eigene Kriegserinnerungen und den Holocaust für eine dezidiert zeit-historische Lektüre nicht nur der frühen Schriften wie „Kritik und Krise“. Barash warf die Frage auf, ob die Erfahrung einer kontinuierlich ablaufenden und unterschiedliche Sinndimensionen integrierenden Geschichte das Zeitalter der Moderne vielleicht doch weit weniger dominiert haben könnte, als es lange Zeit vorausgesetzt wurde. In jedem Fall aber sei Koselleck in eine Reihe von Intellektuellen zu stellen, die – wie etwa auch Maurice Halbwachs – schon seit den Jahrzehnten um 1900 mit der Dekomposition eines solchen Geschichtsbegriffs beschäftigt waren.

Die junge Bonner Republik entstand in Kosellecks Augen im Schatten eines drohenden „Weltbürgerkriegs“. Sie befriedete nicht eine Serie präzedenzloser sozialer und politischer Katastrophen, sondern stellte diese, angesichts der weltpolitischen Lage, im Zustand der Krise vorerst still. Eine in dieser Hinsicht Koselleck und Adorno vergleichende Lektüre trug Jonathan Catlin (Princeton) vor. Lucien Hölscher (Bochum) zeigte an einem Brief Kosellecks an Schmitt vom 21. Januar 1953, mit welcher Entschlossenheit der junge Intellektuelle daran arbeitete, das zentrale Problem zu lösen, das der Historismus hinterlassen hatte, das des historischen Relativismus. Die Antwort fand Koselleck im Entwurf einer „Geschichtsontologie“. Diese sollte, so Hölscher, radikal „gegenwartsorientierte Kategorien“ der historischen Analyse entwickeln, deren Tragfähigkeit sich immer wieder aufs Neue zu erweisen hätte. Prototypisch standen Koselleck dabei die Schmittschen Antagonismen vor Augen: „Herr und Knecht“ und „Freund und Feind“. War dies bereits ein unzeitgemäßer Einstieg in die Begriffsgeschichte oder ein nur tastender und vorläufiger?

Wie weiter mit der Begriffsgeschichte? Sie wird kein klares Telos mehr besitzen. Koselleck wusste, welche Moderne sich schon verfestigt hatte, als er die Sattelzeit entwarf. Gegenwärtig scheint es hingegen deutlich unklarer zu sein, welcher wie definierte Zeitraum in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zu Ende gegangen sein könnte oder welchen neuen Entwicklungen er in den Sattel verhalf. Anderes gilt es anzupassen. Ernst Müller (Berlin) und Carsten Dutt (Notre Dame) betonten, dass mit den historischen Verlaufshypothesen der „Geschichtlichen Grundbegriffe“ – Stichwort „Politisierbarkeit“ oder „Ideologisierbarkeit“ – weniger, wie es Koselleck vorgeschwebt hatte, auf eine den Begriffen selbst eingeschriebene Qualität verwiesen sei als auf deren kommunikative Funktion.

Wie müsste eine Begriffsgeschichte angelegt sein, die gewillt wäre, das damit aufgerufene mediale Apriori ernst zu nehmen? Und welche analogen Verlaufshypothesen wären zu entwickeln, konzentriert auf den Zeitraum zwischen etwa 1870 und 1980? Könne etwa, so fragte Müller mit Blick auf die neuere Literatur, von einer fortschreitenden „Verwissenschaftlichung“ des Sprachhaushalts die Rede sein, also von einer markanten Durchdringung der politischen und sozialen Sprache durch Ausdrücke, die ursprünglich aus den Naturwissenschaften stammten?

Fragen und Begriffe ohne Ende. Das alte Stammwerk mag geschlossen sein, die Begriffsgeschichte aber lebt. Solange davon ausgegangen wird, dass Worte und Begriffe Realität nicht nur beschreiben, sondern Realität auch konstituieren, wird die Begriffsgeschichte ohnehin nicht zu entbehren sein. Da ist es vielleicht auch gar nicht schlimm, wie abschließend Petra Gehring (Darmstadt) zu bedenken gab, dass es ihr nach wie vor nicht leichtfällt, klarzustellen, wie sie denn überhaupt zu den von ihr analysierten Begriffen kommt.

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