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Rechtsradikalismus-Vortrag : Adorno war nicht in der Antifa

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Theodor W. ADorno Bild: Picture-Alliance

Ein 1967 gehaltener Vortrag Adornos über den Neonazismus wird als „aktueller Kommentar“ beworben. Dabei wird historische Erkenntnis der Tagespolitik geopfert.

          Als Theodor W. Adorno am 6. April 1967 an der Wiener Universität auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs einen Vortrag über „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ hielt, war die 1964 gegründete Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), die unter anderem aus der seit 1950 bestehenden Deutschen Reichspartei (DRP) hervorgegangen war, dabei, bundesweit Einfluss zu erlangen. Bei der Bundestagswahl 1965 mit 2,0 Prozent noch bedeutungslos, war ihr ein Jahr später der Einzug in die Landesparlamente von Hessen und Bayern gelungen. Dass sie 1967 in den auf Adornos Vortrag folgenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen ebenfalls erfolgreich war, bestätigte die Virulenz des Themas. Doch obwohl Adorno am Beginn des Vortrags, der nun für die nachgelassenen Schriften bei Suhrkamp rekonstruiert wurde, auf seine 1959 gehaltene Rede „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ rekurrierte, unterschied sich die zeitgeschichtliche Konstellation 1967 von der Ende der fünfziger Jahre.

          In der 1959 vor dem Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gehaltenen Rede hatte Adorno mit der Diagnose, in der Bundesrepublik lebten unter den Bedingungen bürgerlicher Demokratie antidemokratische Dispositionen fort, gegen einen Schweigekonsens verstoßen, der in gewisser Weise Geschäftsgrundlage der Adenauer-Republik war. Adenauers bei der Bevölkerung wenig beliebte Politik der Westbindung, die nicht nur strategisch begründete Sympathie der CDU gegenüber Israel, die Akzeptanz der Einhegung nationaler Bestrebungen durch die Alliierten, all das war nur durchsetzbar gewesen durch Verdrängung des postnazistischen Charakters bundesrepublikanischer Staatlichkeit. Als Adorno seine Überlegungen zur Verdrängung des Nationalsozialismus 1967 mit Blick auf den Neonazismus aufgriff, war die Adenauer-Republik Geschichte, unter der Kanzlerschaft des früheren NSDAP-Mitglieds Kurt Georg Kiesinger regierte eine Große Koalition. Die APO, die sich zur gleichen Zeit formierte, begann die im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) in den Fünfzigern vorherrschende prowestliche und proisraelische Haltung abzustreifen, zumal mit der Erosion der Fronten des Kalten Krieges auch die Westbindung ihre normative Kraft verlor.

          Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die seit Beginn der Auschwitzprozesse 1963 und begünstigt durch die Ringaufführung von Peter Weiss’ „Die Ermittlung“ in fünfzehn west- und ostdeutschen Theatern 1965 nun auch medial geführt wurde, brachte indes eine neue Form der Verdrängung des Vergangenen hervor. Insbesondere in der Neuen Linken wurde eine „antiimperialistische“ Täter-Opfer-Umkehr beliebt, die in den Vereinigten Staaten und Israel die Feinde der Freiheit ausmachte und die Vernichtung der europäischen Juden als Effekt einer kapitalistischen Ausbeutungspolitik rationalisierte. Hierin bestanden Ähnlichkeiten zwischen dem Linksradikalismus und der NPD, deren Aufstieg in den Sechzigern fast zeitgleich mit der Formierung der Neuen Linken verlief.

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