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Putin und Erdogan : Ein neuer Zar, ein neuer Sultan?

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Man kennt sich, vielleicht zu gut: Die Präsidenten Russlands und der Türkei am 15. Juni 2019 in Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan. Bild: Getty

Die Ähnlichkeit zwischen den Regimen von Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan ist fast schon ein Klischee. Stefan Plaggenborg überprüft den Vergleich historisch.

          Journalisten wie Wissenschaftler meinen seit einigen Jahren immer mehr Ähnlichkeiten zwischen den Regimen von Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan ausmachen zu können. Voreilig gezogene Analogien haben den Bochumer Osteuropahistoriker Stefan Plaggenborg jetzt zu einem eingehenden Vergleich des sowjetischen beziehungsweise postsowjetischen und des türkischen Staatssystems – von ihren Anfängen im frühen zwanzigsten Jahrhundert bis in die Gegenwart – bewogen (Stefan Plaggenborg: „Kemalismus und Bolschewismus. Ungleiche Brüder und ihr historisches Erbe“ in: Osteuropa, 68. Jg., 2018, Heft 10–12 / Berliner Wissenschafts-Verlag).

          Der komparative Ansatz bietet sich allein schon bei der Betrachtung der Umstände an, unter denen die Leitideologien des modernen russischen und des türkischen Staates entstanden. Beide, Bolschewismus wie Kemalismus, waren Produkte von Revolutionen, die aus den Turbulenzen in der letzten Phase des Ersten Weltkriegs erwuchsen.

          Hier wie dort mussten die neuen Akteure sich gegen Widerstand von außen wie von innen behaupten, in beiden Fällen errichteten sie einen neuen Staat auf den Trümmern eines jahrhundertelang dynastisch geführten Großreichs. In Russland wie in der Türkei richtete sich nun der Blick nach vorn, Zukunftsentwürfe und Modernisierungspläne sahen die Schaffung einer neuen Gesellschaft vor, die sich von der alten radikal unterscheiden sollte – bald aber etablierten sich in Ankara und Moskau Regime, die in ihrem Autoritarismus ihren Vorgängern nicht unähnlich waren.

          Trotz Putschen kein Staatsterrorismus

          Und bald wurden auch die im Vergleich zu den anfänglichen Ähnlichkeiten weit größeren Unterschiede zwischen den beiden Staaten deutlich. Während sich die Sowjetunion die Gebiete des russischen Zarenreichs einverleibte, blieb vom Osmanischen Reich für die neue türkische Republik, die sich nicht expansiv verhielt, lediglich Kleinasien als Staatsterritorium übrig. Im Sowjetstaat wurden Millionen Menschen Opfer eines grausamen Staatsterrors, der in der autoritär, aber nicht diktatorisch von Mustafa Kemal Atatürk geführten Türkei niemals auch nur annähernd ein solches Ausmaß erreichte – auch nicht in den Zeiten der Militärputsche, zu denen es von den sechziger Jahren an mehrmals kam und die mit schweren Repressionen einhergingen.

          Auch der historische Bruch mit der Vergangenheit hatte sich in beiden Ländern sehr unterschiedlich vollzogen. Der Bolschewismus und seine späteren Varianten bekämpften die Klassengesellschaft, welche die Kemalisten jedoch in dem Glauben weiterbestehen ließen, soziale Konflikte in nationale Harmonie transzendieren zu können. Anders als die Kommunisten mit ihrem Ideal von einer Arbeiter-und-Bauern-Gesellschaft wollten Atatürk und seine Anhänger patriotische, laizistische, gebildete und europäisch orientierte Bürger heranzüchten, die in lateinischer Schrift schreiben und, so Plaggenborg, „ins Theater oder den Klub statt in die Moschee gehen“ sollten. Und anders als im Kommunismus wurde in der kemalistischen Türkei zu keinem Zeitpunkt die Vernichtung der Religion angestrebt, sondern vielmehr ihre Zähmung durch die Verbannung in den Privatbereich.

          Zu den mit der Zeit immer weiter gewachsenen Unterschieden zwischen den Staatssystemen Russlands und der Türkei kam nach 1989 noch hinzu, dass der Kemalismus im Gegensatz zum untergegangenen Kommunismus weiterhin Staatsdoktrin blieb. Seit dem Aufstieg Putins und Erdogans beginnen sich jedoch die Herrschaftsformen und -mechanismen beider Länder trotz nach wie vor bestehender Unterschiede zunehmend zu ähneln.

          Propaganda im Geschichtsfernsehen

          Plaggenborg bringt die Etablierung eines repressiven autoritären Regimes mit einem starken Präsidenten an der Spitze mit der Rückwärtsgewandtheit beider Staatsideologien in Verbindung. So wie sich die Erdogan-Regierung historisch am Glanz des Osmanischen Reiches orientiere, würden in Putins Russland frühere Epochen von der staatlich diktierten Geschichtskultur verklärt: „Während Sultanshof, Islam und militärische Expansion des Osmanenreiches im türkischen Fernsehen Augen und Hirne der TV-Gemeinde bannen, sind im russischen Wohnzimmer die Zeiten Konstantinopels, Ivans IV. ,des Schrecklichen‘, die Idee von Moskau, dem dritten Rom, Zentralisierung, territoriale Expansion, Zarenmacht und orthodoxe Religion präsent.“

          Für politisch weit folgenreicher als die „Geschichtsmaskeraden“ des Neo-Osmanismus und -Byzantismus hält der Autor allerdings den Umstand, dass sowohl Moskau als auch Ankara die Staats- und Gesellschaftsmodelle des Westens ablehnen, nicht aber seine Technologien und Konsumgüter und dass beide die „Entmündigung der Gesellschaft“ und eine „enge Verbindung von Staat und Religion“ anstreben. Zu den gegenwärtigen „Tragödien des revitalisierten Imperiums“ gehört für den Historiker auch, dass die Türkei von Russland das „Prinzip der Destabilisierung und Erweiterung des Machteinflusses jenseits der Grenzen“ gelernt zu haben scheint. Im Erdogan-Palast wie im Kreml, stellt Stefan Plaggenborg fest, herrsche historische Blindheit: Jenseits des eigenen Machthorizonts zeige der Kompass ins Nirgendwo.

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