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Publikationsfreiheit : Eine Schocktherapie für die Wissenschaft

  • -Aktualisiert am

Die Europäische Kommission will der Wissenschaft eine Schockstrategie verordnen Bild: dpa

Die Europäische Union will Wissenschaftler zur Offenheit zwingen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft versucht ins Grundrecht der Publikationsfreiheit einzugreifen. Endlich wehren sich die Fakultäten.

          Die Entscheidungsfindung an den Universitäten braucht Zeit, und sie ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erschwert worden. Dass im gleichen Zug der Einfluss der Wissenschaftler auf hochschulpolitische Entscheidungen zurückgegangen ist, hat zunächst strukturelle Gründe. Pläne und „Strategien“ werden von den Exekutiven und einflussreichen Drittmittelgebern – vor allem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – entwickelt. Alles, was darauf erfolgt, muss sich in der unvorteilhaften Form der Reaktion artikulieren.

          Da die Rektorate in den neueren Universitätsverfassungen stärker an die Ministerien gebunden und weniger als früher den Fakultäten und Senaten verpflichtet sind, ist der Modus Operandi des seinen Rechten nach autonomen Hochschulwesens meist nur noch der des Durchreichens von oben nach unten. Auf Seiten der Wissenschaftler hat das zu resigniertem Abnicken, bekennender Gleichgültigkeit und achselzuckendem Zynismus geführt.

          Politische Vorgaben und strukturelle Lenkung durch ökonomisch mittlerweile für jede Universität unverzichtbare Drittmittelgeber erzeugen überall ein Gefühl von Ohnmacht und korrumpieren die Selbstwahrnehmung der Akteure des Wissenschaftssystems. Die oft politisch motivierten Eingriffe der großen Förderinstitutionen sind freilich Teil der allgemeinen Malaise, nicht deren Therapie.

          Die Stimme der Wissenschaftler

          Umso wichtiger sind Institutionen, die gegenüber der Politik die Interessen der Wissenschaftler und ihrer besonderen Korporationen wahrnehmen. Zu ihnen rechnen neben dem Deutschen Hochschulverband vor allem die Fakultätentage, die unter dem Dach des Allgemeinen Fakultätentags versammelt sind. Dieser kann die Position der Fakultäten gegenüber den Ministerien, der Hochschulrektorenkonferenz und den Wissenschaftsförderinstitutionen zur Geltung bringen, wo Fehlentscheidungen und Regelungswahn drohen.

          Vor diesem Hintergrund ist es als Durchbruch zu begreifen, dass nun ein alle Fächer umgreifendes Positionspapier des Allgemeinen Fakultätentags vorliegt, das sich mit dem „Publikationswesen in den Händen der Fachkulturen“ beschäftigt. Es macht Front gegen den besinnungslosen Umbau des wissenschaftlichen Publikationssystems, den Vertreter totalisierender Digitalisierungsvorstellungen zu erzwingen suchen. In seinen zentralen Punkten entspricht das Positionspapier jenen Forderungen, die vor mehr als zehn Jahren nur von besorgten Außenseitern vorgetragen wurden. Nunmehr werden sie vom Allgemeinen Fakultätentag geteilt.

          Das Recht eines Wissenschaftlers

          Ein Publikationssystem, das Qualität und nicht Quantität fördert, schreibt der Fakultätentag in dem Papier, setzt beim Subjekt des Wissenschaftlers an und unterstreicht dessen – grundgesetzlich verankerte – Freiheit, allein darüber zu entscheiden, ob, wie und wo er seine Erkenntnisse veröffentlichen will. Individuelle Wahrheitssuche braucht Schutz, und dieser erstreckt sich vor allem auf das unveräußerliche Recht des Forschers, über den Publikationsort seiner Erkenntnisse autonom zu entscheiden.

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