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Britische Kolonialzeit : Da kommen plötzlich drei Kriege mehr raus

  • -Aktualisiert am

Ein Zaun oder doch nur ein Karoanzug? Viele Vorbeigehende werden nicht wahrnehmen, dass die Statue des britischen Imperialisten Cecil Rhodes mit einem Gitter versehen wurde. Bild: Picture-Alliance

Imperialistischer Kalkül als Forschung an Christus: Dem Oxforder Projekt „Ethics and Empire“ kommen die Historiker abhanden.

          Eines Nachts im Frühjahr 2016 tauchte das Gitter auf. Weder den Oxforder Studenten, die auf dem Weg zur Vorlesung daran vorbeihetzten, noch den Touristen – andere Menschen sind der Stadt unbekannt – fiel das dünne Drahtgeflecht an der Fassade fünf Meter über dem Erdboden auf. Als die erste Aprilsonne durch die engen Maschen auf die Statue fiel, mögen sich Passanten gefragt haben, ob Cecil Rhodes schon immer einen karierten Anzug getragen hatte. Die einen behaupteten, das Gitter sei angebracht worden, um die Statue des Kolonialherrn vor den Wurfgeschossen der wütenden Studenten zu schützen, deren Kampagne „Rhodes Must Fall“ den Abriss des Denkmals fordert. Andere vermuteten, es solle den zerbröckelnden Sockelheiligen des Imperialismus im Zaum halten und ebenjene Studenten vor herabstürzenden Brocken der Fassade schützen.

          Seitdem tobt in der Universitätsstadt ein Kampf um die Deutungshoheit in der Kolonialgeschichte. Für die Aktivisten von „Rhodes Must Fall“ bleibt sie eine Ansammlung von Menschenverbrechen und Genoziden, deren Spuren weit in ihre eigenen Lebenswelten hineinreichen. Das Rhodes Scholarship ist das prestigeträchtigste Stipendium an der Universität Oxford, die Codrington Library die schönste Bibliothek der Stadt. Beide sind nach Kolonialherren benannt. Rhodes gelangte als Premierminister der Kap-Kolonie mit seinem Rohstoffimperium zu Weltruhm. Christopher Codrington nutzte sein als Plantagenbesitzer erwirtschaftetes Vermögen, um seiner Bibliomanie nachzugehen. Dass solche Männer heute noch wegen ihrer Großzügigkeit in einer Universität geehrt werden, ist für die Aktivisten der größte Hohn, sei ihr Vermögen doch von Sklaven erwirtschaftet worden.

          Verteidigung der guten Aspekte des Kolonialismus

          Der anglikanische Priester Nigel Biggar, Inhaber eines der „königlichen“, vom Monarchen gestifteten Lehrstühle der Universität, der jeden Morgen auf dem Weg zu seinem College Christ Church an der Statue nur einmal rechts abzubiegen braucht, hält diese Kritik für Undankbarkeit und einen Ausdruck von unbegründeter Politischer Korrektheit. Diese gehe inzwischen sogar so weit, dass sie jedem britischen Staatsbürger einreden wolle, er müsse sich fürs Empire schämen. Biggars Lehrgebiet ist die Moral- und Pastoraltheologie. Für den 1842 von Königin Viktoria, Jahrzehnte vor ihrer Ausrufung zur Kaiserin von Indien, gestifteten Regius Chair wurde er 2007 dem Premierminister wegen seiner Expertise in anglikanischer Kirchengeschichte und seiner Arbeiten zu Versöhnung nach Bürgerkriegen dem britischen Premierminister empfohlen. Er hat seither mit Veröffentlichungen wie „In Defence of War“ (Oxford University Press, 2013) einen ungewohnt provokanten Ton angeschlagen.

          Sein Zeitungskommentar „Don’t feel guilty about our colonial history“ („Sunday Times“ vom 30. November 2017) bot einen revisionistischen Geschichtskurs, der die sogenannten guten Seiten des Kolonialismus verteidigte und damit weithin Aufmerksamkeit erregte. Dabei sind die Argumente der Verteidigung, die Biggar aufzählte, keineswegs neu: Infrastruktur, Rechtssystem, Gesundheitswesen. Man kann längst von einem neoimperialen Ton in der englischsprachigen Publizistik sprechen. Biggar sprang in seinem Artikel dem amerikanischen Politologen Bruce Gilley bei, der in der Fachzeitschrift „Third World Quarterly“ die Rekolonialisierung des globalen Südens gefordert und damit einen Eklat ausgelöst hatte.

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