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Theorie des Abenteuers : Sind diese Helden noch heroisch?

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„Down the Rabbit Hole“ schrieb Lewis Carroll über das erste Kapitel von „Alice’s Adventures in Wonderland“. Der Gelatinesilberabzug der Fotografie von Abelardo Morell aus dem Jahr 1998 misst 56,8 mal 45,7 Zentimeter. Bild: Swann Galleries

Was moderne Autoren aus der als trivial beleumundeten Gattung zogen, erörtert eine Münchner Forschergruppe, die jetzt ihre erste Jahrestagung abhielt.

          Die lustvolle Lektüre von Abenteuerliteratur nicht nur während der Jugend kennen viele Leser, männliche wie weibliche. Auch Adalbert Stifter, Sigmund Freud, Virginia Woolf, Ernst Jünger und Arno Schmidt lasen die Romane von Scott, Stevenson, Cooper, Rider Haggard oder Karl May. „Es vergisst ihn keiner, der ihm einmal zugehört hat“, befand Hugo von Hofmannsthal über Charles Sealsfield. Die Philologie hingegen vergaß offenbar. Oder sie fürchtete um den Respekt für ihren „ernsthaften“ Gegenstand. Die Spuren und Spolien des Abenteuers in den Texten der Moderne jedenfalls blendete sie meist aus. Mit Blick auf die Renaissance des Abenteuers in der Gegenwartsliteratur äußerte Kai Spanke in der F.A.Z. (vom 2. Oktober 2013) schon vor fünf Jahren Verwunderung darüber, dass die Forschung in ihrer Begeisterung für Theorien des Raums, für die Manifestationen von Zeit oder die Ästhetik des Seriellen die in alldem auch verborgenen Schätze für eine Theorie des Abenteuers nicht sehen wolle.

          Nun hat sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München eine von der DFG geförderte Forschergruppe zusammengefunden, die unter dem literaturwissenschaftlichen Banner „Philologie des Abenteuers“ die sprachliche und textuelle Vermittlung des Phänomens Abenteuer als Erzählschema und als Ereignistyp methodisch erschließen möchte. Wie aus dem „Wissenschaftlichen Programm“ der Gruppe hervorgeht, rüstet man sich dafür, auch den Widerständen zu begegnen, die das eigene Fach dem Wiedereintritt des überwunden geglaubten Trivialen in die Theorie entgegenbringt. Was von einigen Vertretern des Fachs als naiver Heroismus im Kampf um Aufmerksamkeit belächelt werden mag, ist eine wissenschaftspolitisch begrüßenswerte Hinwendung zu den literaturhistorischen und anthropologischen Prämissen der Philologie. Es steht dem Fach gut an, die spezifisch literarische Attraktion des Abenteuers für Leser und Schriftsteller aller Couleur ernst zu nehmen.

          Wie überlebt das Abenteuer in den Texten der Moderne? Was treibt es dort? Sind die modernen Abenteurerfiguren noch heroisch? Schon lächerlich? Neurotisch? Solchen Fragen widmete sich die erste Jahrestagung der Gruppe unter dem Titel „Abenteuer in der Moderne“.

          Aufbruch nach Marbach

          Im Zuge der Aufklärungs-, Bildungs- und Transparenzideale des achtzehnten Jahrhunderts wurde das Abenteuer wegen seiner ökonomischen Dimension der Risikolust gerne mit Betrügerei gleichgesetzt. Aus ästhetischem Blickwinkel wurde es als poetisch unwahrscheinlich, die ernste Literatur beleidigend diskreditiert. Dennoch verzichtete etwa Goethe in seinen „Wilhelm Meister“-Romanen nicht auf eine allerdings ironisch distanzierte Auseinandersetzung mit dem Abenteuer. Oliver Grill (München) legte dar, dass Wilhelms „Lehrjahre“ erst durch die Reibung zwischen den scheiternden abenteuerlichen Episoden seiner Jugend, die vor allem Produkte seiner starken Einbildungskraft sind, und dem fortlaufend sich entwickelnden Gang der äußeren, prosaischen Verhältnisse voranschreiten. Cornelia Zumbusch (Hamburg) untersuchte vor dem Hintergrund von Goethes Interesse für die „Odyssee“, wie in den „Wanderjahren“ Abenteuerliches erzähltechnisch stets nachträglich in Form von Analepsen, als Vorgeschichte, eingeschaltet werde. Hüterin des Archivs, aus dessen Papieren der Roman in seiner zeitlichen Diskontinuität gleichsam ediert wird, ist die Figur der Tante Makarie. Wenn nun das analeptische Erzählprinzip dem Abenteuer die innere Spannung nimmt, ihm „den Zahn zieht“ und der Name Makarie tatsächlich ein Anagramm auf Amerika ist, dann, so warf Alexander Honold (Basel) witzig ein, erzähle der Roman womöglich nicht von einem Aufbruch nach Amerika, sondern nach Marbach.

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