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Polnische Bucherfolge : Dem Gesetz zum Trotz

  • -Aktualisiert am

Ein jüdischer Mann sitzt vor einem Marsch in Gedenken an den Beginn der ersten Deportationen aus dem Warschauer Ghetto am Umschlagplatz-Denkmal. Bild: dpa

Polens nationalkonservative Regierung möchte dem Land ein Geschichtsbild verordnen. Bücher von Historikern, die den Antisemitismus nicht als Import aus Deutschland darstellen, werden überraschende Bestseller.

          Im Januar 2018 versuchte die polnische Regierung per Gesetz festzulegen, was über die unter deutscher Besatzung begangenen Verbrechen in Polen gesagt werden darf. Auf israelischen Druck wurde die Regelung zurückgezogen. Dass Polen sich als Gesellschaft nicht an deutschen Verbrechen beteiligt habe, bleibt gleichwohl Richtlinie amtlicher Geschichtspolitik. Der Staat unterhält ein polnischen Judenrettern gewidmetes Museum im Dorf Markowa, in dem die achtköpfige Familie Ulma von deutschen Gendarmen ermordet wurde, weil sie zwei jüdischen Nachbarsfamilien Asyl gewährt hatte.

          Vor dem Hintergrund dieser Regierungsaktivitäten wurden jetzt zwei wissenschaftliche Werke zu unerwarteten Bestsellern. Die zweibändige Studie der Warschauer Historiker Barbara Engelking und Dariusz Libionka zum Alltag in der polnischen Provinz in Zeiten des Völkermords steht in vielen Warschauer Buchhandlungen demonstrativ im Schaufenster. Die beiden Mitarbeiter des Zentrums zur Erforschung der Vernichtung der Juden am Institut für Philosophie und Soziologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften führen unter dem Titel „Und es wurde Nacht. Schicksale von Juden in ausgewählten Kreisen im besetzten Polen“ mehrere Mikrostudien über bisher kaum beachtete Orte zusammen.

          Ihre These ist, dass die Besatzung Polens zwar zu einer Atomisierung der Gesellschaft, aber nicht zu deren gänzlicher Auflösung führte. Gerade der Blick auf die deutsche Judenverfolgung in der polnischen Provinz macht deutlich, dass die Vorstellung strikt getrennter Lebenswelten christlicher und jüdischer Staatsbürger der Zweiten Polnischen Republik an vielen Orten selbst für die Anfangsphase des deutsch-sowjetischen Krieges nicht zutrifft. In vielen kleineren Ortschaften waren die Gettos bis zum Beginn der „Aktion Reinhardt“ noch nicht einmal von einem Zaun umgeben.

          Schonungslose Analysen

          Zugleich existierte eine Mauer in den Köpfen, wie es der israelische Historiker Israel Gutman formuliert. Juden und Polen lebten zumeist in parallelen Welten. Engelking und Libionka zeigen, dass es während der von den nationalsozialistischen Besatzern organisierten Verfolgung der polnischen Juden eine Vielzahl von Handlungsräumen gab. Im Schatten der von den Deutschen ausgehenden physischen Gewalt existierte ein breites Spektrum von Verrat, Handel, Ausbeutung, Hilfe und Ignoranz. Eine deutsche Übersetzung der Bände könnte verständlich machen, warum die innerpolnische Diskussion vor allem um die Monate zwischen dem Ende der „Aktion Reinhardt“ und dem Heranrücken der Roten Armee kreist. Nach dem Mord an 1,7 Millionen polnischen Juden in den eigens dafür eingerichteten Vernichtungslagern in Treblinka, Sobibór und Belzec konnten Juden außerhalb von NS-Zwangsarbeiterlagern und sowjetischen Partisaneneinheiten nur in Verstecken und mit der Hilfe der lokalen, christlichen Bevölkerung überleben. Anders als von der polnischen Regierung suggeriert, waren in dieser Zeit die Retter verfolgter Juden eher Ausnahmen. Jedoch wird in Deutschland wohl immer noch verkannt, dass den Juden, die im Versteck überlebten, dies allein durch die Hilfe von Polen gelang, Nachbarn, Bekannten oder auch Fremden, die bereit waren, das Risiko der von den deutschen Besatzern verhängten Todesstrafe auf sich zu nehmen.

          Ein zweiter Bestseller aus dem Bereich wissenschaftlicher Prosa nimmt die frühe Nachkriegszeit in den Blick: Überall in Polen war es zur Aneignung von Häusern, Mobiliar und Werkstätten der ermordeten Juden gekommen. Die erste Auflage von Joanna Tokarska-Bakirs Studie „Der Fluch“ war innerhalb einer Woche vergriffen. Die Warschauer Anthropologin weist nach, dass der Pogrom an den überlebenden Juden von Kielce am 4. Juli 1946, bei dem 42 Menschen ermordet wurden, keine Verschwörung der kommunistischen Geheimpolizei war. Treibende Kraft waren vielmehr Angehörige der Volksmiliz, die vor dem Krieg Mitglieder nationalistischer polnischer Organisationen gewesen waren. Tokarska-Bakir zeigt mit ihrem „Sozialporträt des Pogroms von Kielce“ auch, dass die Einführung der stalinistischen Herrschaft in Polen sich weder ausschließlich auf die geopolitische Dominanz Moskaus noch allein auf Waffengewalt stützte. Das nach Kriegsende in Teilen von Polen existierende Machtvakuum nutzten demnach die verschiedensten Akteure, um Besitz und Einfluss zu erlangen. Im Fall von Kielce beglichen die Täter 1946 vermeintlich offene Rechnungen aus der Vergangenheit.

          Es ist bedeutsam, dass parallel zum Versuch der Warschauer Regierung, historische Wahrheiten festzulegen und ein widerspruchsfreies Bild von Polen als Opfer und Helden zu kreieren, wissenschaftliche Arbeiten wie die von Tokarska-Bakir, Engelking und Libionka mit ihren nuancierten, komplexen und schonungslosen Analysen eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Ebenso wichtig ist wahrzunehmen, dass ihre Arbeiten in vom polnischen Staat finanzierten Forschungseinrichtungen entstanden sind, die sich seit vielen Jahren dem jüdisch-polnischen Verhältnis während und nach dem Holocaust widmen. Das Bild von Polen im Jahr 2018 sollte ebenso differenziert gezeichnet werden wie das Bild der polnischen Gesellschaft 1943.

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