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In der Prüfungszeit : Lehrerstreiks und Regierungsversprechen

Mit Ankündigung: Lehrer haben in Polen auch auf Plakaten zum Streik aufgerufen. Bild: ddp/Jaap Arriens/Sipa USA

In Polen haben in dieser Woche Lehrer Hunderter Schulen die Arbeit niedergelegt, obwohl Examen anstehen. Sie fordern höhere Gehälter und bessere Bedingungen.

          Polens Regierung erlebt den bisher größten Arbeitskampf seit ihrer Wahl: Zehntausende Lehrer streiken seit Anfang der Woche für ein besseres Gehalt. Am Dienstag wurde nach Angaben der Regierung knapp die Hälfte aller etwa 20 000 Schulen und Vorschulen unbefristet bestreikt, laut dem Lehrerverband ZNP sogar fast drei Viertel. Der Lehrerverband fordert für das laufende Jahr eine Gehaltserhöhung von insgesamt 30 Prozent in zwei Schritten. Er hatte den Streik seit Monaten vorbereitet, Plakate aufgehängt und sich mit einer Abstimmung in den Schulen der Unterstützung für den Streik versichert. In der Öffentlichkeit ist außerdem eine Debatte über den materiellen und sozialen Status von Lehrern entbrannt.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Mit allen Zulagen verdienen Lehrer beim Berufseinstieg heute umgerechnet gut 700 Euro brutto. Die größte Gruppe bilden jedoch die „diplomierten“ Lehrer, die mit etwa 1300 Euro über dem statistischen Durchschnittslohn in Polen liegen. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki von der nationalkonservativen PiS sprach davon, Lehrer hätten „ein bisschen mehr Freizeit“ als andere. Aus 18 bis 27 Unterrichtsstunden in der Woche werden laut einem Bericht eines Instituts für Bildungsforschung in der Realität durchschnittlich jedoch 46 Stunden und 40 Minuten Arbeitszeit.

          Einige werfen den streikenden Lehrern vor, den Arbeitskampf auf Kosten der Schüler auszutragen. Denn von diesem Mittwoch an sollten in ganz Polen Prüfungen stattfinden, darunter die Gymnasialexamen. Sie ermöglichen im künftig zweistufigen polnischen Schulsystem die Versetzung in die zweite Stufe, das Lyzeum. Das besuchen die Schüler dann vom neunten bis zum zwölften Schuljahr. Die Umstellung von dem erst 1999 eingeführten dreistufigen zurück zum zweistufigen System hatte die Regierung 2017 beschlossen. Schon diese unter Fachleuten umstrittene Reform, deren Verwirklichung noch nicht abgeschlossen ist, hatte Unruhe in den Schulen hervorgerufen.

          Schlechte Noten für Polens Lehrer

          Am Dienstag beherrschte die Sorge um die bevorstehenden Examen die Debatte um den Lehrerstreik. In Warschau warnte Oberbürgermeister Rafal Trzaskowski, es könnten manche Schulen der Stadt gefährdet sein. Dennoch sollten alle Eltern und Schüler zunächst davon ausgehen: „Die Examen finden statt.“ Lehrer im Ruhestand, Eltern und sogar einige Politiker verkündeten ihre Bereitschaft, bei der Beaufsichtigung der Examenskandidaten während der Prüfungen mitzuhelfen. Der als besonnener Unterhändler bekannte Michal Dworczyk, Amtschef Morawieckis, warnte in Richtung der Lehrer, eine Verlegung der Examen sei „nicht möglich“.

          Aufgeheizt wird das Thema der Lehrerstreiks auch durch die im Mai stattfindenden Europawahlen und die Parlamentswahlen im Herbst. Gerade hat die PiS noch einige Versprechen auf die 2016 großzügig eingeführten neuen Sozialleistungen, insbesondere das Kindergeld vom zweiten Kind an, draufgesetzt: etwa Kindergeld auch für das erste Kind. Kürzlich hatte PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski außerdem neue Unterstützungszahlungen für Bauern versprochen, „für jede Kuh“. Dieses Verteilen von Hilfsleistungen ermutigt andere gesellschaftliche Gruppen, auch Verbesserungen zu fordern. Unterstützer des Lehrerstreiks fragen nun, wieso es Hilfspakete für Landwirte gebe – nicht aber für Lehrer.

          Ein erstes Angebot der Regierung, vertreten von der früheren Ministerpräsidentin Beata Szydlo, wurde zwar am Sonntag von der Gewerkschaft Solidarność unterzeichnet. Sie sieht Gehaltserhöhungen von 15 Prozent vor. Doch weil der Lehrerverband ZNP nicht zustimmte, begann der Streik am Montag wie geplant. Die Solidarność-Gewerkschaft steht der Regierung nah und ist, zumindest was die Lehrerschaft betrifft, wenig schlagkräftig. Szydlo tat sich keinen Gefallen damit, dass sie von den Lehrern im Gegenzug für ihr Angebot eine Aufstockung des Lehrdeputats um mehrere Unterrichtsstunden forderte. Am Dienstag wurde wieder verhandelt: Szydlo traf unter anderen den Vorsitzenden des ZNP Slawomir Broniarz. Die Entschlossenheit der Lehrerverbände, den Streik bis zu einem zufriedenstellenden Ergebnis durchzuhalten, scheint groß zu sein. Die Verhandlungen wurden am Nachmittag ohne Ergebnis abgebrochen.

          Der Anreiz, Lehrer zu werden, ist bei der Situation in Polen gering. Der Bildungsexperte Mikolaj Herbst von der Universität Warschau sagte, die finanzielle Lage habe sich seit einer deutlichen Gehaltserhöhung zu Beginn des Jahrhunderts relativ verschlechtert. Die Kaufkraft eines durchschnittlichen Lehrergehalts in Polen sei heute eine der niedrigsten unter den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die fehlende Attraktivität des Berufs hat wiederum Auswirkungen auf die Qualität: Eine OECD-Studie ergab für Polens Lehrer schlechte Noten.

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