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Plagiatsvorwürfe gegen Giffey : Ein Verdacht ist schnell in der Luft

  • -Aktualisiert am

Familienministerin Giffey hat ihre Universität offenbar selbst um die Überprüfung ihrer Dissertation gebeten. Bild: EPA

Wegen eines Plagiatsverdachts prüft die Freie Universität Berlin die Doktorarbeit von Familienministerin Franziska Giffey. Bei genauem Hinsehen sind die Vorwürfe gegen die Dissertation allerdings keinesfalls mit bekannten Plagiatsfällen vergleichbar.

          Da sind sie wieder, die Plagiatsjäger, und wieder haben sie eine Politikerin erwischt. Das könnte man zumindest meinen, wenn man eine Meldung des „Spiegel“ betrachtet. Familienministerin Franziska Giffey sei wegen ihrer politikwissenschaftlichen Dissertation ins „Visier der Plagiatsjäger“ geraten, schreibt das Hamburger Nachrichtenmagazin. Ehrlicher müsste man wohl sagen: Giffey ist ins Visier des „Spiegel“ geraten, der nicht abwarten konnte, bis die Plagiatsprüfung zuerst zu Ende geführt wird.

          Denn die Vorwürfe waren schon früher bekannt. Publiziert haben wir sie trotzdem nicht: Denn die Dokumentation der Rechercheplattform „VroniPlag Wiki“ ist nicht abgeschlossen, insbesondere fehlt die Überprüfung im Rahmen der Qualitätssicherung. „Erst nach vollständiger Sichtung wird entschieden, ob die Dokumentation im Vroni Plag Wiki mit Nennung der Autorin veröffentlicht und die Universität darüber informiert wird“, sagt Mitinitiator Gerhard Dannemann von der Berliner Humboldt-Universität.

          Wegen des Plagiatsverdachts prüft die Freie Universität Berlin (FU) die Doktorarbeit der Familienministerin Giffey. Die SPD-Politikerin habe die Hochschule selbst um diese Prüfung gebeten, berichtet der „Spiegel“. Die Universität erklärte, sie werde dieser Bitte nachkommen und „in Kürze ein entsprechendes Verfahren einleiten“. Giffey wies ein bewusstes Plagiat zurück: „Ich habe diese Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen verfasst“, sagte sie.

          Wie ist der Zwischenstand bei der Beurteilung der Dissertation durch VroniPlag? Bisher gibt es Verdachtsmomente auf knapp 24 Prozent der Textseiten von Giffeys Doktorarbeit mit dem Titel „Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“. Das Werk ist seit langem auf den Webseiten der Freien Universität Berlin einsehbar.

          Was sagen die 24 Prozent aus? Sie drückt den Anteil der Seiten aus, die Plagiate enthalten, nicht den Plagiatsanteil am Fließtext. Von den bisher 203 wissenschaftlichen Arbeiten, die „VroniPlag Wiki“ untersucht hat, hatten nur 14 Arbeiten einen geringeren Seitenanteil an Plagiaten. Giffey bewegt sich also am unteren Ende. Es gibt Arbeiten mit einem Plagiatsanteil auf 100 Prozent aller Textseiten. Auch darüber hatte die F.A.Z. berichtet.

          Dem früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wurden auf 94,4 Prozent aller Textseiten Plagiate nachgewiesen. Die Universität Bayreuth erkannte ihm daraufhin im Februar 2011 den Doktorgrad ab. Am 1. März 2011 erklärte Guttenberg den Rücktritt von allen politischen Ämtern.

          Die heutige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen durfte dagegen ihren Doktor-Titel bei 43,5 Prozent behalten. Ebenso behalten durfte den Titel der CDU-Politiker Patrick Ernst Sensburg, der bei 23,9 Prozent lag – also dem Wert, bei dem auch Giffey momentan liegt.

          Aber es kommt bei der Beurteilung von Plagiaten nicht nur auf die Quantität an. Es lohnt sich, einen genauen Blick auf die einzelnen beanstandeten Textstellen zu werfen. Viele Kritikpunkte an Giffeys Arbeiten betreffen Zitationsfehler. So heißt es etwa einmal: „Inkonsistent ist zudem, dass sie bei dem Titel wie in der Quelle das Substantiv "Organization" groß, "interests" und "democracy" aber klein schreibt.“ An anderer Stelle heißt es: „Bemerkenswert ist, dass die Verfasserin hier nicht ihre tatsächliche Quelle Wallace (2003) referenziert, sondern u. a. ein in dieser referenziertes Werk van Schendelens (2002).“ Das sind in der Tat Fehler, und es ist begrüßenswert, dass „VroniPlag Wiki“ dies dokumentiert. Aber es erlaubt kaum, dass man den Giffey auf eine Stufe mit anderen Politikerfällen stellt.

          Fallstudie in Berlin-Neukölln

          Giffey hat für eine in Berlin-Neukölln durchgeführte Fallstudie 27 Interviews geführt. Sie nennt ihre Gesprächspartner in der online veröffentlichten Arbeit. Nichts weist darauf hin, dass es bei diesen Gesprächen Unregelmäßigkeiten gab. Im vergangenen Jahr war der Fall des Weilburger Rechtsanwalts Thorsten Eidenmüller bekannt geworden, der für seine Dissertation zehn Interviews selbst durchgeführt und transkribiert haben will. Fast alle Interviews waren jedoch, oft wortwörtlich, aus Internetquellen entnommen, etwa aus dem Wikipedia-Artikel zu „Streetwork“.

          Solche Verfehlungen lassen sich Giffey nicht vorwerfen. Allerdings heißt es bei „VroniPlag Wiki“ auch: „Im Schlusskapitel, in dem die Verfasserin eigentlich ihre eigenen Erkenntnisse aus ihrer Untersuchung präsentieren will, wird knapp die Hälfte einer Seite einem Bericht des Ausschusses für Kultur und Bildung des Europäischen Parlaments (2005) entnommen, der gänzlich ungenannt bleibt.“

          Dannemann sagt: „Die Hauptmitwirkenden an der Dokumentation sind zwar als akribisch bekannt, aber ich selbst war lediglich an der Sichtung kleiner Teile beteiligt. So kann ich nicht aus eigenem Wissen beurteilen, ob die Autorin systematisch plagiiert hat.“ Allerdings meint er auch, dass es nach seinem bisherigen Eindruck „ein ernstzunehmender Fall sei“. Universitäten hätten schon für geringere Verfehlungen den Doktorgrad entzogen, und Gerichte haben das gehalten. In anderen Fällen haben Universitäten bei deutlich gröberen Verstößen den Doktorgrad nicht kassiert. „Mir erscheint es sinnvoll, den Abschluss der Dokumentation abzuwarten, anstatt schon aus den vorhandenen Teilen Schlüsse zu ziehen“, ergänzt der Wissenschaftler.

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