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Plagiate in Tübingen : Quellen aus der Zukunft

  • -Aktualisiert am

Eingang zur Neuen Aula der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen Bild: dpa

An der Universität Tübingen wurde Doktoranden erlaubt, Plagiate mit Hilfe von „Errata“-Listen neu darzustellen. Von der Fragwürdigkeit dieses Vorgehens abgesehen, enthielten diese Listen ebenfalls Fehler.

          Die schlimmsten Fehler werden gemacht in der Absicht, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen. Dieser Jean Paul zugeschriebene Aphorismus passt auf eine Episode, die sich derzeit an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen zuträgt. Es geht um zwei Promotionen, die bis heute auf der Webseite der dortigen Bibliothek im Wortlaut vorrätig gehalten werden. Wer sich die Arbeit über die „Nierenfunktion Kinase-defizienter Mäuse“ ansieht, wird feststellen, dass dort ein „Erratum“ angekündigt wird, dass „am 07.01.2019 auf Wunsch des Dekanats (Frau Christ) hinzugefügt“ worden war. Inzwischen ist das Erratum aber nicht mehr abrufbar. Die entsprechende Datei wurde entfernt. Gleiches gilt für die Arbeit über die „Rolle der Serum- und Glukokortikoid-induzierbaren Kinase SGK1 in der Regulation des Glukosetransports“.

          Beide Arbeiten entstanden an der früheren Fakultät für Biologie und wurden 2007 veröffentlicht. In beiden Arbeiten finden sich Plagiate in erheblichem Umfang. In einer Arbeit wurde besonders oft von Wikipedia abgeschrieben, ohne diese Quelle auch nur einmal zu nennen. All das wurde von der Wissenschaftsplattform „VroniPlag Wiki“ verlässlich dokumentiert: Auf 51 Prozent der Textseiten, beziehungsweise 53 Prozent der Textseiten finden sich Übernahmen aus Texten Dritter, die nicht kenntlich gemacht wurden.

          Das gesteht auch die Universität Tübingen ein. Seit November 2016 befasste sich daher der zuständige Promotionsausschuss in sechs Sitzungen mit den beiden Werken. Ein Entzug der Titel wurde nicht beschlossen. Dafür gibt es mehrere Gründe, die die Universität Tübingen in einer von FAZ.NET angefragten Stellungnahme darlegt. Zum einen würden viele gefundene Plagiate feststehende Fachbegriffe oder Ausdrücke betreffen, die „keiner Quellenangabe bedürfen“. Dieses überraschende Argument steht freilich im Widerspruch zur unterschriebenen Erklärung der Doktoranden, wonach sie ausschließlich genannte Quellen genutzt haben. Debora Weber-Wulff von „VroniPlag Wiki“ fügt im Gespräch mit FAZ.NET hinzu: „In einem Fall wurden vier komplette Seiten wortwörtlich aus Wikipedia abgeschrieben, es geht also nicht nur um einzelne Fachbegriffe.“ Es wurde sogar eine Zeichnung von Wikipedia übernommen, die urheberrechtlich geschützt ist.

          Weiterhin argumentiert der Ausschuss, dass die wesentlichen Plagiate in der Einleitung und im Methodenteil gefunden wurden. „Die Beschreibung des wissenschaftlichen Fortschritts, der den Kern dieser naturwissenschaftlichen Dissertationen bildet, also die experimentellen Arbeiten und Untersuchungen, die Diskussion der Ergebnisse und die Schlussfolgerungen waren im Wesentlichen frei von Plagiaten.“ Dass der vom Ausschuss so titulierte „wissenschaftliche Teil der Dissertation“ über den Methodenteil gestellt wird, ist eine häufig anzutreffende Argumentationsweise in Plagiatsfällen. Die Verwaltungsgerichte urteilen freilich ganz anders. Unisono weisen sie darauf hin, dass man Doktorarbeiten nicht in einen wichtigen und unwichtigen, oder gar „wissenschaftlichen“ und „unwissenschaftlichen“ Teil trennen kann. Doch mit den beiden Tübinger Promotionen wird sich kein Gericht befassen. Denn klagebefugt wären allein die Doktoranden, die aber vermutlich zufrieden sind, ihren Titel zu behalten.

          In die Abwägung der Universität floss auch die Überlegung ein, dass den beiden ausländischen Doktoranden „der Umgang mit Daten möglicherweise nicht deutlich genug gemacht wurde“, und zwar „im Arbeitsbereich des Erstgutachters“. Selten spricht eine Hochschule so deutlich aus, wen sie zumindest für den potentiellen Mitverursacher einer Plagiatsaffäre hält.

          Der Promotionsausschuss fand zur Klärung der Fälle eine vermeintlich salomonische Lösung: Die Promovenden durften „Errata“ zu ihren Arbeiten veröffentlichen. Zwar findet sich darüber keine Regelung in der Promotionsordnung des Fachbereichs Biologie aus dem Jahr 2007. „Allerdings finden sich selten Regelungen zu Errata in Promotionsordnungen“, heißt es, und weiter: „Gleichwohl sind diese zu Dissertationen nicht unüblich, beispielsweise als nachträgliche Ergänzungen oder Korrekturen, wenn Mängel erst nach der Veröffentlichung entdeckt werden.“ Die Liste der Errata beträgt in einem Fall 10 Seiten, im anderen Fall 60 Seiten. Doch obwohl diese Errata seitens der Hochschule überprüft wurden, fielen weitere Fehler nicht auf.

          So wurden in beiden Fällen vereinzelt Quellen angegeben, die erst nach Publikation der Dissertation erschienen sind – etwa aus dem Jahr 2016, was eine Aussage aus dem Jahr 2007 nicht belegen kann. Dazu erklärt die Hochschule: „Soweit dies Wikipedia-Einträge betrifft, wurden die nach 2007 erfolgten Änderungen mitzitiert. Die Möglichkeit, die Wikipedia-Einträge in der Fassung von 2007 aufzurufen, war beim Ausarbeiten der Errata anscheinend nicht bekannt.“ Eine andere Quelle lautet kurz und bündig nur: „figure 2 was from the PowerPoint made for lab presentation“. Die entsprechende Präsentation sucht man indes vergebens. Diese und weitere fehlerhaften Korrekturen müssen nun ihrerseits korrigiert werden. Dann wird sich der Promotionsausschuss mit den überarbeiteten Errata befassen. Und irgendwann werden diese Errata auch wieder auf der Webseite der Universitätsbibliothek in Tübingen abrufbar sein. Dann sollen die Korrekturen auch der Deutschen Nationalbibliothek gemeldet werden. Obwohl die beiden Dissertationen dort abrufbar sind, war das bislang einfach vergessen worden.

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