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Lage der Geisteswissenschaften : Der Geist wirkt, wo er will

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Strebender und verneinender Geist im Doppel: Faust (Will Quadflieg) und Mephisto (Gustaf Gründgens) in der Faust-Verfilmung von 1960 Bild: INTERFOTO

Was gedacht und gewollt wird, ergibt sich nicht aus der Sache selbst. Wenn die Geisteswissenschaften nicht geistlos werden, dann haben sie auch in der modernen Welt einen Ort.

          Absolventen der Geisteswissenschaften wissen auch im Moment des Abschlusses ihres Studiums nicht so recht, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollen. Sie verbringen eine gewisse Zeit mit der Suche, finden etwas, in den Bereichen Management, Erziehung, Verwaltung, Verkauf, Finanzierung, Kunst und Unterhaltung, Recht und Gemeindearbeit, und haben nach etwa zehn Jahren den Gehaltsvorsprung ihrer Wettbewerber aus Studiengängen des Managements, des Rechts oder der Ingenieurwissenschaften aufgeholt. Das ist das Ergebnis einer Studie der American Academy for Arts and Sciences, die unter dem Titel Humanities Indicators 2018 veröffentlicht wurde. In Krisenzeiten ist das Risiko der Arbeitslosigkeit unter Absolventen der Geisteswissenschaften höher, doch insgesamt sind sie mit ihrer finanziellen Situation so zufrieden wie Absolventen anderer Studiengänge (im Vergleich zu Nichtakademikern).

          Der Bericht gibt keine Auskunft zur Frage, welche Arbeit die Geisteswissenschaftler in den genannten Bereichen gefunden haben. Er verzichtet auf jede inhaltliche Begründung ihres Erfolgs und lässt stattdessen die erzielten Einkommen für sich selbst sprechen. Insofern kommt er zum selben Ergebnis wie der Latinist Justin Stover von der Universität von Edinburgh in einem vielbeachteten Artikel im vergangenen Jahr: „There is no case for the humanities / Warum es keine guten Gründe zur Verteidigung der Geisteswissenschaften gibt“ (American Affairs, 20. November 2017, deutsch im Merkur Blog vom 27. April 2018).

          Dass die Geisteswissenschaften dennoch in eine gewisse Begründungsnot gekommen sind, erklärt sich Stover daraus, dass ihre arkane, zweck- und wirkungsfreie Gelehrsamkeit nicht mehr die Grundlage einer adligen Höflichkeit sei, die einst dem Austausch unter Adel, Klerus und Universität zugrunde gelegen hat. Die aktuelle ökonomische, politische und soziale Ordnung habe für diese Kunst der gelehrten Konversation keine Verwendung mehr, zumal Adel und Klerus die Rolle nicht mehr spielen, die sie einst innehatten.

          Beweglicher Geist

          Der Universität der Gelehrten sind ihre Adressaten abhandengekommen. Grammatik, Dialektik und Rhetorik, ganz zu schweigen von Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, einst als die sieben sogenannten freien Künste die Voraussetzung zur Beherrschung von Kommunikation und Welt, sind professionalisierten Studiengängen gewichen, die einschlägig auf kommerzielle, administrative, juristische, medizinische und ingenieurwissenschaftliche Berufe vorbereiten. Der Bürger pflegt allenfalls als Bildung, was einst unabdingbar war, um sich argumentativ und kreativ in der feudalen Welt des Handels, der Diplomatie, der politischen Ordnung, aber auch der gepflegten Künste behaupten zu können.

          Die Geisteswissenschaften haben an den Universitäten nur überlebt, weil sie mit der Lehrerausbildung ihrerseits zu einer professionellen Berufsausbildung beitragen. Die sieben freien Künste sind zu Schulfächern geworden, die man, wie auch die Schule, irgendwann hinter sich lässt. Neben den eigentlich wichtigen Fächern zur Gestaltung von Welt, den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), behaupten sie sich nur noch als Übungen eines Geistes, dem es weniger um die Schulung seiner Freiheit als vielmehr um eine möglichst breite Palette nahezu handwerklicher Fertigkeiten geht. Hatte die feudale Gesellschaft zwischen Kopfarbeit und Handarbeit unterschieden, so wird die Kopfarbeit in der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft selbst zur Handarbeit, nämlich zur technologischen Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse.

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