https://www.faz.net/-gqz-9h116

Lage der Geisteswissenschaften : Der Geist wirkt, wo er will

  • -Aktualisiert am

Anfang beim Subjekt

Gegenüber den Objektivitätsansprüchen der Wissenschaft weist die Geisteswissenschaft darauf hin, dass es ein Wissen, das nicht von einer subjektiven Position aus entworfen wird, also selbst ein Zentrum der Subjektivität ist, nicht gibt. Das Newtonsche Koordinatenkreuz, das als raum-zeitliches Kontinuum für alle Beobachter gilt, hat Gaussschen Koordinaten Platz gemacht, in denen „Bezugsmollusken“ (Albert Einstein) ihre je eigene Welt definieren. Deswegen ist es wichtig, zu wissen, wer spricht, und zu wem er oder sie spricht. Daraus ergibt sich nicht nur eine Rückführung des Wissens auf Motive und Interessen, sondern vor allem die Bindung des Wissens an Paradigmen, Theorien und Methoden.

Zweitens kann die Geisteswissenschaft in der Auseinandersetzung mit der Wissenschaft darauf hinweisen, dass ein Wissen nicht nur ist, was es ist, sondern sich den Gegenstand in technischen Verfahren, sozialen Bezügen und kulturellen Voraussetzungen jeweils zurechtlegt, um nicht zu sagen: konstruiert. Die Sätze der Wissenschaft sind mindestens so performativ wie konstatierend. Eine Klassifikation, ein Modell, eine Formel entdecken und beschreiben Sachverhalte im Rahmen von Begriffen, die über ihre eigenen Grenzen keine Auskunft geben, je präziser sie definiert sind.

Und drittens kann die Geisteswissenschaft danach fragen, was gewünscht und gewollt wird. Viele Gegenstände der Wissenschaft entstehen erst im Rahmen einer Zielfunktion, die von der Drittmittelfinanzierung über den Wettbewerb der Schulen bis zur Verbesserung der Wirklichkeit reichen kann. Diese Zielfunktion wirkt auf die Fragestellung zurück. Verschiebt man sie, ergeben sich neue Fragen.

Wert des Zögerns

Die Geisteswissenschaft ist kein Unternehmen zur Pauschalkritik der Wissenschaft. Sie ist kein Spielverderber und kein Nachbar, der mit gezielten Fehlwürfen den Müll in Unordnung bringt. Ihr Studium der Philosophie, Literatur und Kunst trainiert einen Blick für die Funktionen von Subjektivität, Rahmung und Rhetorik. Die erste Ursache, daran glaubt sie mit Kant, ist das Subjekt, das sich selbst als Ursache setzt. Die erste Komplexität steckt in der Art und Weise, wie aus einem Gegenstand ausgeschlossen wird, was er nicht sein soll. Und mit der ersten Hypothese steckt man bereits in einem gesellschaftlichen Diskurs, der einen nur um die Gefahr der Selbstverleugnung wieder loslässt.

Deswegen zögern Geisteswissenschaftler, wie Joseph Vogl in seiner Antrittsvorlesung an der Humboldt-Universität „Über das Zaudern“ 2007 festgestellt hat. Aber sie zögern nicht, um sich zu entziehen oder gar zu verweigern, sondern um noch einmal anders anzusetzen. Sie führen das Subjekt, die Komplexität und den Diskurs in die Wissenschaft wieder ein und erweitern damit den Alternativenraum der Fragestellung, Theorie und Methode.

In Zeiten, in denen an Algorithmen Künstlicher Intelligenzen gearbeitet wird, hat Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“, in dem keine Verknüpfung zwischen Körper, Geist, Gesellschaft und Umwelt unbefragt bleibt, denselben epistemischen Status wie das keynesianische Modell der Liquiditätspräferenz, Thomas Hobbes’ Konstitutionsmodell des Leviathan, Max Webers Bürokratiemodell oder Lutz Seilers Hiddensee-Modell einer DDR innerhalb der DDR. Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen, auch wenn Fakultäten und Fachverbände alles dafür tun, sich gegen diesen Trend zu stemmen. Die Geisteswissenschaft trägt zu dieser Auflösung der Grenzen nichts bei. Sie besteht darauf, dass jede Disziplin, ob in der Wissenschaft oder in den Künsten, ihre eigene Problemstellung hat. Denn nur so kann sie sie untereinander ins Spiel bringen.

Das hat mit Inter- und Transdisziplinarität meines Erachtens wenig zu tun. Wichtiger und aussichtsreicher ist die Entwicklung einer neuen Disziplin, die Subjektivität, Komplexität und Rhetorik als epistemische Bedingungen einer Wissenschaft, die ihre Gegenstände schafft, während sie sie erforscht, anerkennt. Die Geisteswissenschaftler, die nicht ohne Zögern in den Berufsfeldern der aktuellen Gesellschaft ihren Weg gefunden haben, praktizieren bereits, was die Universität vielfach erst noch lernen muss.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die Spitzen der großen Koalition bei ihrem Treffen im Kanzleramt

Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

Die Spitzen der großen Koalition haben bei der Reform der Grundsteuer einen Kompromiss erzielt. Das Gesetz soll nach monatelangem Streit noch vor der Sommerpause im Bundestag beraten werden.

TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.