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Lage der Geisteswissenschaften : Der Geist wirkt, wo er will

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Doch man sollte die Geisteswissenschaften nicht zu früh verabschieden. Der Unterschied zwischen der Schulung von Freiheit und handwerklichen Fertigkeiten ist geringer, als man denkt. Nicht zu Unrecht spricht man seit Jahrzehnten von einer Ablösung der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft durch eine Informationsgesellschaft. Die zentrale Kompetenz der Gegenwart ist eine Beherrschung von Komplexität, die ebenso viel mit geistiger Beweglichkeit wie Sachkenntnis zu tun hat. In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen einer Produktionsplanung, einer Verwaltungsreform, einer Spielplangestaltung, einer politischen Kampagne, einem Forschungsprogramm und einer diplomatischen Offensive. Die Komplexität ergibt sich hier wie dort aus einem Zusammenspiel von Materie, Personal, gesellschaftlichem Umfeld, technischen Voraussetzungen und kulturellen Bedingungen, die jeweils ihre eigene Dynamik aufweisen und keiner gemeinsamen Logik unterworfen werden können.

Kraft der Verneinung

Die Geisteswissenschaften haben gegenüber allen anderen Wissenschaften den Vorteil, dass es ihnen schwerer fallen sollte, sich im eigenen Gegenstand zu verlieren. Sie verdanken sich einem doppelten Emanzipationsimpuls sowohl gegenüber der Theologie als auch gegenüber der Philosophie. Wie man bei Wilhelm Dilthey nachlesen kann (Einleitung in die Geisteswissenschaften, 1883), setzen sie an die Stelle einer Auseinandersetzung mit Religion und Philosophiegeschichte die Entdeckung der „selbständig wirkenden geistigen Welt“ des Bewusstseins. Diese selbständig wirkende geistige Welt ist ebenso sehr individuelle Welt wie Einbettung dieser individuellen Welt in kulturelle und gesellschaftliche Voraussetzungen. Die Wissenschaft vom Geist ist die Wissenschaft eines Bewusstseins, das erst in der Auseinandersetzung mit der Welt, dialektisch, wie man weiß, zum Bewusstsein wird, das seine Vereinzelung überwindet und pflegt zugleich. Das geht klassisch ebenso wie romantisch, wie man ebenfalls weiß, das heißt im vollen Selbstbewusstsein aller menschlichen Kräfte ebenso wie im dunklen Wissen um die Unverständlichkeit der Welt, führt aber so oder so zur Übung einer Fähigkeit, die wesentlich Unruhe ist, Negationsbereitschaft und Spiel.

Ein Geist, der in seiner Selbständigkeit keinen anderen Gegenstand hat als sich selbst, ist im Wesentlichen eine Kraft der Verneinung. Mit jedem Ja verliert er sich an die Verhältnisse, aus denen er im Modus des Neins wieder zu sich selbst findet. Die Kunst besteht darin, diese Oszillation selbst konstant zu setzen, in welchem individuellen Rhythmus auch immer.

Die Frage nach dem Status der Geisteswissenschaft an der gegenwärtigen Universität ist damit allerdings erst zur Hälfte beantwortet. Gibt es für diese Kraft zur Verneinung eine positive Funktion? Wenn wir beim Thema der Komplexität bleiben, kann man diese Frage bejahen. Die Theologie ist als Widerpart der Geisteswissenschaften in den Hintergrund gerückt. Die Philosophie ist selbst Geisteswissenschaft geworden, auch wenn sie immer noch Schwierigkeiten hat, einen empirisch erfahrbaren Gegenstand zu benennen. Das wichtigste Gegenüber der Geisteswissenschaft ist inzwischen die Wissenschaft selbst, ihre Rolle in der modernen Welt, ihre Bindung an die Technologie, ihre positivistische Verpflichtung auf messbare und zählbare Daten.

Gegenüber einer Wissenschaft, die tief in die sozialen, technischen und ökologischen Bedingungen des menschlichen Lebens eingreift, besteht die Geisteswissenschaft, immer im Interesse eines selbständigen Bewusstseins, auf drei Fragen: Wer spricht? Was kann man wissen? Was wollen wir tun?

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