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Philosophie : Rendezvous mit dem Weltgeist

Geist auf Reisen: Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir in Litauen Bild: Antanas Sutkus

Lässt sich die Weltphilosophie des zwanzigsten Jahrhunderts zwischen zwei Buchdeckel bringen? Gerald Hartung und Laurent Cesalli wollen das versuchen, und dabei Afrika und Asien nicht vergessen.

          Wie schreibt man Weltgeistgeschichte? Ganz einfach: Man macht einen Plan, bittet Kollegen in aller Welt um Beiträge und ordnet sie zum Ganzen. Wenn das Konzept gut ist, steht am Ende mehr als eine Weltbürokratie historischen Denkens. Im neunzehnten Jahrhundert war das noch das Werk eines einzelnen Mannes. 1860 bekam der Berliner Philosophieprofessor Friedrich Ueberweg vom Mittler Verlag den Auftrag zu einem Lehrbuch der Philosophiegeschichte. Der Berliner Verlag versprach sich davon kommerziellen Erfolg und wurde belohnt. Der Grundriss der Geschichte der Philosophie, kurz: der Ueberweg, brachte es auf zwölf Auflagen, wurde in etliche Sprachen übersetzt und wird bis heute gelesen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          In den ersten drei Bänden bewegt sich Ueberweg noch im überschaubaren Rahmen des christlichen Abendlandes. Die Epochen tragen die fremd klingenden Namen Philosophie der vorchristlichen und der christlichen Zeit sowie der Neuzeit. Einen vierten fügt Ueberweg später hinzu, um die Philosophie an die Gegenwart heranzuführen. Hier verlässt ihn die Übersicht, die Ausführungen werden skizzenhaft, schweifend. Nietzsche kursiert unter ferner liefen, verblassten Denkern wie Eduard Hartmann und Rudolf Eucken sind ganze Kapitel gewidmet. Philosophiegeschichte auf der Höhe der Gegenwart ist eben ein widersprüchlicher Gedanke. Nietzsche war ein einsamer Privatgelehrter und wurde erst Anfang des nächsten Jahrhunderts zum weltweit gelesenen Denker. Als Kombination von Nah- und Fernwirkung ist Philosophiegeschichte ein Update-Betrieb. Grund für einen Besuch bei Gerald Hartung.

          Die Welt überblicken

          Der Wuppertaler Philosophieprofessor blickt von seinem Büro weit hinaus ins Bergische Land, fast bis nach Bochum. Keine schlechte Voraussetzung für sein auf zwanzig Jahre angelegtes Vorhaben, dem Weltgeist ins Auge zu blicken. Gemeinsam mit seinem Schweizer Kollegen Laurent Cesalli hat Hartung für den Baseler Schwabe-Verlag, bei dem die Rechte inzwischen liegen, die Aufgabe unternommen, den Ueberweg ins zwanzigste Jahrhundert zu transportieren. Im Alleingang ist das nicht mehr möglich. Der Ueberweg ist mittlerweile auf rund dreißig Bände gewachsen, mehrfach wechselten die Herausgeber. Schon Hartungs Vorgänger Helmut Holzhey forderte die Globalisierung der Philosophiegeschichte und die Abkehr vom Eurozentrismus. Leicht gesagt und nie getan. Hartung und Cesalli fällt jetzt die doppelte Aufgabe zu, das zwanzigste Jahrhundert nicht nur philosophiegeschichtlich erstmals, sondern zugleich weltweit zu erschließen. Man kann bei den Globalhistorikern nachfragen, wie unmöglich das ist: den archimedischen Punkt zu finden, von dem aus sich die Welt überblicken lässt.

          Auch der Weltstrom des Geistes ist zum weitverzweigten Delta geworden. Biographien haben sich internationalisiert. Die Exilanten der Frankfurter Schule brachten die Kritische Theorie nach New York, Heidegger eroberte Japan und Frankreich, die davon inspirierte French Theory brachte die Dekonstruktion an amerikanische Universitäten. Selbst die analytische Philosophie, die mit dem historischen Denken ein für alle Mal aufräumen wollte, hat das Interesse an ihrer eigenen Biographie entdeckt. Schließlich verändert der Transfer das Denken. In China wird heute mehr Husserl oder Scheler gelesen als an deutschen Universitäten, aber die Deutung variiert mit dem Wechsel der Umgebung.

          „Es ist eine große Rezeptionsaufgabe“, sagt Hartung mit dem ruhigen Atem des ehemaligen Leistungschwimmers. Bisher kann er den theoretischen Leitfaden nur negativ definieren: „Die Philosophiegeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts lässt sich nicht mehr nach Nationen, Sprachen, Konfessionen sortieren.“ Schon für das neunzehnte Jahrhundert, für das noch einige Lücken zu füllen sind, will Hartung Debatten als Wegmarken aufnehmen. Den Ignorabimus-Streit des neunzehnten Jahrhunderts über die Grenzen der Naturerkenntnis oder, für das zwanzigste Jahrhundert, den Positivismusstreit der sechziger Jahre. Eine Zäsur für die Gegenwart könnte der Streit mit der Neurowissenschaft um die Willensfreiheit sein. Man wird sehen.

          Philosophiegeschichte als Politik

          Zwei bis drei Jahre wird man auf internationalen Arbeitstreffen am Konzept feilen. Die schwierigste Aufgabe, die Erschließung von Afrika, ist noch nicht einmal vergeben. Philosophisch ist Afrika terra incognita, und der Anspruch lautet, die Werke afrikanischer Philosophen selbst zu thematisieren. Aber von welchen? Für Hegel wäre es einfach gewesen: Philosophie gab es für ihn nur in Deutschland. Frankreich und England hielt er für philosophische Provinzen, in Afrika erkannte er bestenfalls theologische Vorformen der Philosophie, ansonsten: mythisches Denken. Man müsse im Hinblick auf Afrika Grenzen aufweichen, den Begriff der Philosophie weiter fassen, sagt Hartung, ohne begriffliche Maßstäbe preiszugeben.

          Auch die DDR-Philosophie sei ernst zu nehmen, wenn man sie von den ideologischen Versatzstücken entkerne, die oft nur Vorwort und Schlussbetrachtung ausmachten. Philosophische Editionen sind eben auch Politik. Im neunzehnten Jahrhundert, als sich die Philosophie in den Fächerkanon der aufstrebenden Universität eingliederte, begann die Zeit der nationalen Etikettierungen. Ob die Neuzeit mit Descartes oder Leibniz begann, wurde nun je nach Machtlage unterschiedlich gedeutet. Für die große französische Edition war die Sache klar: Descartes ist der Meister. Das sah man auch in Deutschland so, bis mit dem Sieg über Frankreich von 1871 Leibniz an die Stelle des ersten Philosophen der Neuzeit rückte.

          Die Grenzen sind also neu zu ziehen. Und es wäre ein vermessener Anspruch, die Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts als einheitliche Denkbewegung zu erfassen. Für weite Teile des philosophischen Transfers gilt: lost in translation. Dass man auf Nationen und Sprachgrenzen nicht ganz verzichten kann, zeigt das Beispiel der islamischen Philosophie: Gibt es sie überhaupt als innere Einheit? Darüber urteilt Ulrich Rudolph, der dieses Gebiet bearbeiten wird, bisher vorsichtig. Im europäischen Mittelalter sind muslimische Philosophen an Aristoteles orientiert. Mit Avicenna und Averroes beginnt islamische Philosophie als eigene, aber vielfach gebrochene Bewegung. Der Arbeitstitel lautet deshalb diplomatisch: Philosophie in islamischen Ländern.

          Und wie steht es mit den Finanzen? Einen Finanzrahmen gibt es nicht, außer einer halben Mitarbeiterstelle und ein paar Spesen. Geisteswissenschaftliche Editionen sind Produkt ehrenamtlicher Tätigkeit nach Feierabend. Es gibt solche Leute in aller Welt. Aber für die Universität ist der Zustand kein Ruhmesblatt. Der Geist wirkt, wo er will? Ja, aber man muss ihn auch lassen.

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