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Philologie-Debatte : Die anderen müssen antworten, ohne ja, nein, schwarz, weiß zu sagen

  • -Aktualisiert am

Entpolemisierter Streit ist die Arena der Philologie: Ein Blick von außen auf die Methodendebatte der deutschen Literaturwissenschaft.

          Neulich erklärte ein Freund, warum die bei Drittmittelanträgen erfolgreichste Disziplin seines Landes die Astronomie sei. Die smarten Weltraumforscher hätten den informellen Pakt geschlossen, einander so lange hymnisch zu begutachten, bis jeder einmal an die Reihe gekommen sei. Bei aller Bewunderung für diese rocket science strategischer Systemkonformität ist hier wohl kaum eine Forschungsrevolution zu erwarten. Ohne Streit stirbt Wissenschaft an Sauerstoffmangel.

          Im Verlaufe des Sommers war an dieser Stelle eine in vielerlei Hinsicht lehrreiche Debatte zu verfolgen. Gegen Melanie Möllers Beitrag zum wiedererwachten Interesse am Begriff der Philologie warben Claudia Dürr, Andrea Geier und Berit Glanz für ein interdisziplinäres Verständnis von Wissenschaft, das für Machtfragen ebenso sensibel sei wie für soziale Kontexte oder Medien und in dem die „einsame Textinterpretation“ durch „das gemeinschaftliche Publizieren“ gekontert wird.

          Aus internationaler Perspektive mutet eine Diskussion über den Philologiebegriff kurios an, galt er außerhalb des deutschen Sprachraums doch bis vor kurzem als nahezu ausgestorben. Der Philologie verdankte sich freilich der Aufstieg der deutschen Universitäten zu Weltruhm. Aufgrund ihres institutionellen Siegeszugs sammelte sich bald Halbseidenes unter ihrer Fahne. Wogegen Dürr, Geier und Glanz opponieren, ist der Rest einer bornierten Nationalphilologie, die sich erst dem Positivismus, dann der Geistesgeschichte, schließlich einer dünkelhaften Werkimmanenz oder der philosophischen Hermeneutik an die Brust warf und sich zwischendrin als geistiger Büttel des Nationalsozialismus missbrauchen ließ.

          Arbeit am Text erschöpft sich nicht in textimmanenter Versenkung

          Allerdings stehen auch die von Melanie Möller beschriebenen Ansätze in Opposition zu diesen schlechten Traditionen. Sie stützen sich auf eine Überlieferung, derzufolge Philologie aus dem Akt der Emanzipation einer ehemaligen Hilfswissenschaft entstand, die nicht länger willens war, der Theologie oder der Philosophie lediglich zuzuarbeiten. Als skeptische Anwältin von Komplexität und Herausforderin von Machthabern jeglicher Art inspirierte sie noch das bewegende „Notizbuch eines Philologen“ des Romanisten Victor Klemperer. In dieser Tradition steht schließlich auch Peter Szondi, auf den sich Melanie Möller mehrmals beruft. Szondi, der jüdische Außenseiter und Verbündete der Frankfurter Schule, dachte nicht allein über eine eigenständige philologische Erkenntnis nach, sondern lud als erster Germanist im Nachkriegsdeutschland die französischen und amerikanischen Poststrukturalisten ein. Dass sich Melanie Möller explizit auf Werner Hamacher bezieht, der wie kein zweiter den Poststrukturalismus mit der Philologie zusammengedacht hat, sei nur am Rande erwähnt.

          Die Auseinandersetzung um den gespaltenen Philologiebegriff ist nur eine Ersatzfront. In Wahrheit geht es um die Frage, wofür Literaturwissenschaft heute steht oder stehen sollte. Deren Experimentierfreudigkeit hat zu Flügelkämpfen geführt, wie man sie sonst nur von ehemaligen Volksparteien kennt. Hier wie dort wird aus dem Lebenselixier des Streits schnell Polemik, vorzugsweise ad personam. Die Rollenverteilung steht für Dürr, Geier und Glanz leider schnell fest: Philologen bedienen sich eines Verfallsnarrativs, um ihre reaktionären Vorstellungen „von besseren früheren Verhältnissen“ durchzudrücken, und nehmen die Öffnung der Grenzen (der Literaturwissenschaft) hin zur Gender-, Medien- oder Kulturtheorie als Bedrohung der eigenen (fachlichen) Identität wahr.

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