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Ozeanische Geschichte : Die Welle selbst

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Mehr als nur ein Ort für Sport und Spaß: Wie ozeanische Geschichte die Menschheit in ihrer Kultur beeinflusst, haben Experten unter anderen in einer Diskussionsrunde in Cambridge erörtert. Bild: EPA

Ozeanische Spezialisten setzen sich in einem Sammelband mit den Einflüssen der Meere auf die Menschheit auseinander. Es ist das erste Mal seit langem, dass der Forschungszweig sich positioniert.

          An „Turns“ herrscht in der Geschichtswissenschaft kein Mangel. Selbst notorische Trendsetter hatten zuletzt Mühe, den vielen Wendungen immer angemessen zu huldigen. Nun also ein „Oceanic Turn“? Dies scheint ein kürzlich erschienener, von ausgewiesenen Spezialisten der Geschichte verschiedener Weltmeere herausgegebener Sammelband zumindest anregen zu wollen, selbst wenn der Begriff „Turn“ nur beiläufig vorkommt („Oceanic Histories“, hrsg. von David Armitage, Alison Bashford und Sujit Sivasundaram, Cambridge University Press 2018). Dennoch: „Wir sind alle ozeanische Globalhistoriker“, verkündet David Armitage selbstbewusst in seinem Beitrag zum Atlantik und spielt damit auf Christopher Baylys berühmte Formulierung an, gemäß der heute alle Historiker Welthistoriker seien, auch wenn vielen von ihnen das noch nicht bewusst sei.

          Global- beziehungsweise Weltgeschichte ist ein wichtiger Anknüpfungspunkt für den von Armitage und Co. postulierten neuen Zugang. Zugleich wollen sie Orthodoxien in diesem Feld überwinden und dadurch „produktive Turbulenzen“ erzeugen. Wortgewaltige Werbung für ihr Unternehmen fließ ihnen jedenfalls leicht in die Feder: Ozeanische Geschichten, schreiben sie, seien kein Feld, sondern eine Welle: „eine fließende, bewegliche, fluktuierende Akkumulation von Energie, die nicht festgemacht, nicht eingezwängt oder von der Natur oder den verschiedenen menschlichen Erfahrungen mit ihr getrennt werden kann. Ein Feld kann, innerhalb vorgegebener Grenzen, bestellt werden. Eine Welle hingegen kann geritten werden, mit unvorhersehbaren, aber potentiell anregenden und beglückenden Folgen.“

          Meere als Plattform für Desintegration und Konflikte

          Die Teilnehmer einer Diskussionsrunde, die anlässlich der Präsentation des Buches in Cambridge zusammenkam, teilen weitgehend die positiven Visionen des Herausgebertrios („Oceanic Histories: A Roundtable“, Journal of Colonialism and Colonial History, Bd. 19, Heft 2, Johns Hopkins University Press 2018). Sie begrüßen etwa, dass das Buch, welches als Auftaktband einer gleichnamigen Reihe dient, aus dem langen Schatten von Fernand Braudel heraustrete. In seinem wegweisenden Mittelmeerbuch hatte der große französische Historiker einst argumentiert, dass die Geschichte des Mittelmeers eng verwoben sei mit derjenigen der Kontinente, die es umgeben.

          Insbesondere die Etablierung einer „atlantischen Geschichte“, wie sie Bernard Bailyn in Harvard seit den achtziger Jahren vorangetrieben hat, war eng mit Braudelschen Ansätzen verknüpft. Meere wurden als Bindeglieder zwischen Festländern, Menschen, Kulturen und ökologischen Milieus beschrieben. Der neue Ansatz betont hingegen weniger Verbindung und Ausbreitung als Desintegration und Konflikt. Dies sei nicht zuletzt Ausdruck wandelnder globaler Konstellationen und neuer geopolitischer Auseinandersetzungen.

          Ozeanische Geschichtsschreibung war seit jeher eng von politischen Erwägungen geprägt. Dies hatte sich im Fall der atlantischen Geschichte schon im Kalten Krieg gezeigt. Als das französisch-amerikanische Historikerduo Jacques Godechot und Robert R. Palmer 1955 auf dem Internationalen Historikerkongress in Rom ein Referat über die geschichtlichen Beziehungen im atlantischen Raum vortrugen, war die Resonanz eisig. Eric Hobsbawm verstieg sich sogar zu der Aussage, eine solche Thematik dürfe nie wieder auf einem Historikerkongress diskutiert werden. Und osteuropäische Kollegen beschimpften Godechot und Palmer als Apologeten der Nato und einer antikommunistischen atlantischen Gemeinschaft.

          Ganzheitliche Geschichtsaufarbeitung

          Die Programmatik der ozeanischen Geschichte setzt sich von der Globalgeschichte ab. Eine andere Art der Globalgeschichte wolle man schreiben, aufmerksam für die Vielfalt der menschlichen Erfahrungen. Plurale historiographische Traditionen, nicht nur die westlichen, gelte es einzubeziehen. Nicht nur Geschichten von Begegnungen, Hybridität, Synkretismus und Integration sollen im Mittelpunkt stehen, sondern ebenso Erfahrungen von Gewalt, Unterdrückung und Zwangsmigrationen.

          Das übliche Quellenkorpus müsse erweitert werden, mündliche Geschichte, Legenden, archäologische, geologische und botanische Zeugnisse systematische Berücksichtigung finden. Dies impliziere, sich von der Nation und ihren Archiven loszureißen. Besonderes Augenmerk gelte der Umwelt. Ozeanische Geschichte sei eine eindringliche Form akademischer Kritik, die eng mit gegenwärtigen Sorgen über die Zerstörung der Riffe, die Masse an Plastikmüll oder den Anstieg von Klimaflüchtlingen verbunden ist. Schließlich versteht sich das ganze Unterfangen auch als Beitrag zur Dekolonisierung der Geschichte und Geschichtsschreibung, indem es marginalisierte menschliche (und nichtmenschliche) Akteure in den Blickpunkt rückt und globale Hierarchien in der wissenschaftlichen Forschung aufzulösen sucht.

          In diesem Zusammenhang entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die Herausgeber sowie alle Autoren an etablierten Universitäten des globalen Nordens tätig sind. Im Übrigen entspricht ihr umfassender Katalog ziemlich genau den Ansprüchen, den die Globalgeschichtsschreibung seit einiger Zeit ebenfalls für sich formuliert. Die „neue“ Ozeanische Geschichte wird nun zeigen müssen, ob sie nach dem Kochbuchschreiben auch das Kochen beherrscht.

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