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Aus dem Documenta-Archiv : Ohne allen Apparat

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Kämpft gegen Windmühlen, wer sich aus eigenem Antrieb für eine Einladung zur Documenta ins Spiel bringt? Die „Vier Szenen Don Quichotte, Till Eulenspiegel“ von Hans Kohnstam hängen im Depot der Pinakothek der Moderne in München. Bild: bpk / Bayerische Staatsgemäldesa

Initiativbewerbung bei der Documenta: Der Briefwechsel zwischen Hans Kohnstam und dem Chefkurator Harald Szeemann zeigt ein Kunstverständnis im Übergang.

          Mit der Einrichtung eines wissenschaftlichen Documenta-Instituts in Kassel rückt auch das dortige Documenta-Archiv in den Fokus der Forschung. Hier lagern bislang wenig beachtete Bestände und Kuriosa zur Geschichte der Ausstellungsserie. Dazu zählen mehrere tausend abgelehnte Künstlerbewerbungen. Zur Documenta 5 wurde das Massenphänomen der Selbstbewerbungen erstmals sichtbar. Unter den rund 250 unverlangt an Chefkurator Harald Szeemann eingesandten Bewerbungen sind namhafte Künstler, von denen einige schon bei den vorangegangenen Documenta-Ausstellungen dabei gewesen waren, aber auch viele Unbekannte, die erst aus der Presse von der Kasseler Weltausstellung erfahren haben. Dazu zählte auch manch ein älterer Künstler, der noch auf eine gediegene Vorkriegsausbildung zurückblicken konnte, dessen Karriere jedoch durch Krieg, Vertreibung oder Exil unterbrochen worden war.

          Ein Bewerber, der den Anschluss an die Nachkriegsmoderne suchte, war Hans Kohnstam (1903 bis 1990), Sohn einer jüdischen Spielzeughändlerfamilie aus Fürth. Moko Spielwaren war eine von Moses Kohnstam 1865 gegründete Firma, die nicht nur mechanisches Spielzeug herstellte, sondern auch Waren kleinerer Produzenten vertrieb. Bis zur Enteignung 1934 zählte Moko zu den bedeutendsten Unternehmen der deutschen Spielwarenbranche. Hans Kohnstam war in jungen Jahren an mehreren europäischen Firmenstandorten tätig gewesen. Seine eigentliche Liebe galt aber der Kunst, und so gehörte er zu jenen wohlhabenden Bürgersöhnen, welche die Kunstakademien als Zaungäste frequentierten, aber nie den Sprung ins Bohemeleben wagten.

          Ende 1932 verließ er mit seiner Frau Ruth Deutschland Richtung Amsterdam. Dort wurde ihr Sohn Pieter geboren, die drei wohnten im gleichen Haus wie Otto und Edith Frank. Deren Tochter Anne wurde die Babysitterin des kleinen Pieter. Als die Franks sich 1942 im Hinterhaus versteckten, schlugen sie den Kohnstams vor, ebenfalls dort einzuziehen. Doch diese konnten sich nach Argentinien retten. 1965 kehrte Hans Kohnstam nach Bayern zurück, in München verfolgte er seine künstlerischen Ambitionen unter dem Künstlernamen „Hako“ weiter. Ein Durchbruch war ihm zu Lebzeiten nicht mehr vergönnt. Heute befinden sich einige seiner Grafiken und Gemälde im Lenbachhaus und in der Pinakothek der Moderne, das Münchner Stadtmuseum erhielt 2001 ein größeres Konvolut als Schenkung.

          Sonderabteilung für Sonderlinge

          Kohnstam war durch einen Artikel im „Spiegel“ auf die Documenta aufmerksam geworden und bat Szeemann, ihn in München zu besuchen: „Ich habe Ihnen Interessantes zu bieten!“ Aus Kohnstams Briefen (er signiert mit „Hako“) sprechen sowohl Humor als auch großes Selbstbewusstsein, etwa die weltfremde Vorstellung, der Chefkurator werde eigens nach München anreisen, quasi ins Blaue, denn Hako bleibt in seinen Werkbeschreibungen recht vage. Trotzdem wünscht er sich, weil er Optimist sei, von Szeemann eine Zusage, am liebsten bald, am besten „zu meinem Geburtstag!“. In seinem Curriculum Vitae beschreibt sich Hako als Autodidakt, der in seiner Jugend einige Monate als Gastschüler am Dessauer Bauhaus verbrachte und in München studierte, Kunstgeschichte bei Heinrich Wölfflin sowie Anatomie. Persönliche Kontakte mit Gropius, Kandinsky, Klee und dem Kunstkritiker Paul Westheim hätten ihn aber in seinem Weg als Einzelgänger bestärkt.

          Aus dem Briefwechsel lässt sich nur schwer herauslesen, wie Hakos Documenta-Arbeiten konkret aussehen sollten. Mal schreibt er von der „plastischen Funktion der Linie“, mal heißt es: „Über das ,wie‘ meiner Plastiken befinde ich mich noch im Kampf, maschinelle Hilfsmittel, Apparate etc. lehne ich ab.“ Kryptisch klingt auch seine Selbstbeschreibung: „Die von mir nicht gewählten, sondern gemussten Ausdrucksformen fallen aus dem konventionellen Rahmen. Ich rubriziere mich nicht, Dritte, sogenannte Berufene, können mich ebenfalls nicht rubrizieren. Meine Formen sind nicht an den Haaren herbeigezogen, gesucht, forciert, sie sind spontan.“ Überhaupt sollte jeder schöpferische Mensch „ein Stückchen Naivität und Surrealistik-Irrealistik“ besitzen. Zudem verriet er Szeemann: „Vertraulich teile ich Ihnen mit, dass ich ab Juli an einem Porträt unseres Bundeskanzlers arbeite, wofür ich eine, abseits des Bestehenden, erfundene Form gewählt habe.“

          Szeemann erhielt keinen plastischen Eindruck von Hakos „irreal-form-abstrakten Kompositionen“ und sagte ihm mit den Worten ab: „Eine qualitative Wertung Ihrer Arbeit ist mit der Ablehnung in keiner Weise verbunden.“ Tatsächlich sollte Szeemanns neu erfundenes Genre der „individuellen Mythologien“ das Gesicht seiner Documenta prägen – eine Sonderabteilung für Sonderlinge, die in ihrer eigenen Welt von Symbolen und Worten lebten. Der surreal-irreale Hako hätte vielleicht sogar hier hineingepasst. Doch wo sich die erste Documenta 1955 noch als Brücke zwischen Weimarer Moderne und westdeutscher Nachkriegsmoderne verstanden hatte, als Überbrückung von Krieg und Nationalsozialismus im Sinne der Kontinuität einer freiheitlich-modernistischen Kunst, hatte sich der Fokus der Documenta 5 eindeutig auf die aktuelle Kunst verschoben – tragisch für Kohnstam und andere seiner Generation, die eine zweite Chance witterten, ohne diesen Paradigmenwechsel erahnt zu haben.

          Erst später kam es bei Kuratoren in Mode, Kunstgeschichte gegen den Kanon zu lesen und übergangene, marginalisierte, gescheiterte Künstler und Künstlerinnen wiederzuentdecken. Die Documenta-Ausstellungen 10, 12 und 14 boten dafür einige Beispiele, und wer weiß, ob nicht auch die abgelehnten Bewerbungen von Hako und anderen bei der nächsten Documenta eine Chance auf Wiedervorlage bekommen?

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