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Österreich : Ethikunterricht statt Kaffeehaus

Bildungsbeflissen: Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz besucht am Internationalen Frauentag eine Schule. Bild: dpa

In Österreich haben Schüler, die Religion abwählen, künftig keine Freistunde mehr. In einem ersten Schritt werden jetzt 1300 Lehrer weitergebildet. Die ÖVP fordert unterdessen die tägliche Sportstunde.

          In Österreich sollen Schüler künftig entweder in Religion oder in Ethik unterrichtet werden. Zunächst wird das mit einem Gesetz von 2020 an für die Oberstufenschüler festgelegt. Bildungsminister Heinz Faßmann sagte Anfang der Woche, vermittelt werden sollten respektvoller und toleranter Umgang und gewaltfreie Konfliktlösung, das Verhältnis der Schüler zur Welt, etwa nachhaltiger Konsum, Gerechtigkeit in der Welt, Bedeutung von Technologien für das Leben sowie ein Überblick über das Verbindende und Trennende der Weltreligionen und philosophische Strömungen und Menschenbilder.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Bislang gilt die Regelung, dass konfessionell gebundene Schüler Religionsunterricht und die übrigen eine Freistunde haben. Vom 14. Lebensjahr können sich Schüler selbständig – auch ohne Einverständnis der Eltern – vom Religionsunterricht abmelden. Die Alternative lautet bislang nach einem geläufigen Bonmot: „Unterricht oder Kaffeehaus“. Künftig soll sie „Religion oder Ethik“ lauten.

          Linke und liberale Oppositionsparteien sowie kirchenkritische Gruppierungen bemängelten, dass die Einführung von Ethikunterricht als Strafmaßnahme für Schüler aufgefasst werde, die sich „von Religion abmelden“. Der Wiener Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) forderte „neutralen Ethikunterricht für alle“. An dieser Differenz war in der Zeit der großen Koalition von ÖVP und SPÖ die Einführung von Ethik als reguläres Schulfach gescheitert.

          Bislang gibt es nur einen Pilotversuch an einigen Schulen. Bis zur flächendeckenden Einführung müssen allerdings noch 1300 Lehrer weitergebildet werden. Bis zum 2020 beginnenden Schuljahr sollen ein Lehrplan stehen und Schulbücher vorliegen. Längerfristig möchte der von der ÖVP nominierte Bildungsminister ein eigenes Lehramtsstudium für das Fach etablieren und den Unterricht auf alle Schulstufen bis hinunter zur Grundschule ausdehnen. In einer religiös pluralistischen Gesellschaft, in der die Kirchen eine weniger bestimmende Rolle spielten, sei ein „gemeinsames ethisches Verständnis“ notwendig, sagte Faßmann. Ethik sei sozusagen „Sport und Bewegung für den Geist“. Zu diesem Stichwort hatte der FPÖ-Vorsitzende und Sportminister Heinz-Christian Strache auf einem gemeinsamen Termin am Dienstag auch etwas zu sagen: Er wolle sich für die Einführung einer täglichen Turnstunde starkmachen. Diese populäre Forderung ist bereits früher aufgekommen, vor allem nach den Olympischen Sommerspielen 2016, als die österreichischen Athleten die Erwartungen nicht erfüllt hatten. Sie ist aber bislang sowohl an der Finanzierung, als auch am Mangel geeigneter Sportstätten gescheitert.

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