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NS-Medizinverbrechen : Schädelstätte moderner Forschung

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Eichenlaubkranzabwurfstelle: Heinrich Himmler am 2. Juli 1936 vor der Königsgruft in Quedlinburg Bild: Ullstein

1943 wurden 86 jüdische Häftlinge von Auschwitz ins Elsass verbracht und dort ermordet. Ihre Leichen wurden im Anatomischen Institut der Universität Straßburg konserviert. Welche Rolle spielte Institutsdirektor August Hirt?

          Am 9. Dezember 1946 wurde der Nürnberger Ärzteprozess eröffnet. Einer der 23 Angeklagten war Wolfram Sievers. Er war kein Arzt, sondern wurde für Taten als Wissenschaftsfunktionär zur Rechenschaft gezogen. Seit 1935 hatte er den von Heinrich Himmler gegründeten Forschungsverbund „Das Ahnenerbe“ geleitet, seit 1937 mit dem Titel eines Reichsgeschäftsführers. Unter den Fällen, die vor dem amerikanischen Militärgericht exemplarisch verhandelt wurden, war die Ermordung von 86 jüdischen Frauen und Männern. Um deren Schädel oder Skelette hatte die Sammlung des Anatomischen Instituts der Reichsuniversität Straßburg ergänzt werden sollen. Wer hatte sich dieses Verbrechen ausgedacht?

          Sievers benannte den Institutsdirektor August Hirt. Er wiederholte damit, was er schon im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess des Internationalen Militärtribunals als Zeuge vorgetragen hatte. Dort mit der Versicherung: „Es handelte sich um den Ausbau der Anatomie der damals neu übernommenen Universität Straßburg, und zwar um den Neuausbau des sogenannten Anatomischen Museums.“ Nicht Neubau, sondern Neuausbau.

          Hirt war zum Herbst 1941 an das Anatomische Institut berufen worden. Mit der Okkupation des Elsass hatten die Deutschen auch die Université Strasbourg an sich genommen, das Lehrpersonal vertrieben und am 23. November 1941 eine Reichsuniversität Straßburg eröffnet. Bei dieser Gelegenheit traf Sievers auch Hirt. Miteinander bekannt waren sie allerdings schon von früherer Gelegenheit.

          Sievers der Lüge bezichtigt

          Vor Gericht in Nürnberg erzählte Sievers von einer Begegnung fünf Jahre vor Straßburg. Bei der Feier zum tausendsten Todestag von König Heinrich I. am 2. Juli 1936 in Quedlinburg sei Hirt Himmlers Ehrengast gewesen. Wie Sievers 1936 in Quedlinburg erfahren haben will, soll Hirt den Auftrag gehabt haben, einen damals aufgefundenen Schädel anthropologisch zu untersuchen. Die SS hatte sich kurzfristig das Ziel gesetzt, die verschollenen Gebeine Heinrichs pünktlich zum Gedenktag wiederzufinden, um eine Weihestätte zu bestücken.

          Der kanadische Historiker Michael Kater schrieb über das „Ahnenerbe“ seine von Werner Conze betreute Heidelberger Dissertation, die 1974 als Buch erschien. Die Aussage von Sievers bewertete Kater als „vorsätzliche Lüge“. In den Akten finde sich „keinerlei Hinweis“ auf Hirts Besuch in Quedlinburg „schon zu so früher Zeit“, zudem seien die vermeintlichen Gebeine des Königs erst 1937 geborgen worden – und dies just zu der Zeit, als der SS-Anthropologe Bruno Beger zu einer Untersuchung im Rahmen der Abteilung Ausgrabungen des Persönlichen Stabs des Reichsführers SS nach Göttingen abkommandiert wurde. Kater verwies darauf, dass es von Göttingen nicht weit nach Quedlinburg sei, und brachte Beger als Initiator der 86 Morde ins Spiel. Sievers habe gelogen, „um den SS-Kameraden Beger nicht von vornherein zu belasten – Hirt aber war bereits tot“. Was aber, notabene, Sievers gar nicht wissen konnte.

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