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Rabbinische Streitkultur : Sympathie ist keine Forderung der Wissenschaft

  • -Aktualisiert am

Peter Schäfer vor dem Jüdischen Museum Berlin, dessen Direktor er war. Bild: dpa

War Peter Schäfers Zugang zum Jüdischen falsch? Die rabbinische Tradition der immerwährenden Debatte spricht dagegen, dass es einen richtigen geben könnte.

          „Ein Quantum an Sympathie für das Judentum“ forderte in der „Zeit“ Josef Joffe vom zurückgetretenen Direktor der Stiftung Jüdisches Museum Berlin, Peter Schäfer. Nach der Überzeugung des griechischen Philosophen Platon ist die Philosophie aus dem Staunen entstanden. Ein talmudischer Gelehrter würde hingegen Leidenschaft als Ursprung und Motor des weisheitlichen Lernens verstehen – jenes Lernens, das weder am Tag noch in der Nacht unterbrochen werden soll.

          Es ist bezeichnend, dass weder bei Platon noch bei den talmudischen Rabbiner von Sympathie die Rede ist, denn das „Objekt“ in der Weisheit und Wissenschaft erfordert Anstrengungen, Aufmerksamkeit und immerwährende Debatten. Der klassische hebräische Begriff, der den Gefühlszustand der Sympathie am ehesten beschreibt, qirvah, bedeutet „Nähe“ oder „Verwandtschaft“. Beides sind Eigenschaften, die man auch heute schwerlich mit Wissenschaft in Verbindung bringen würde. Gemäß talmudischen Lehrmeinungen wird ausgerechnet die (familiäre) Nähe zum Objekt als ein Argument für Befangenheit angeführt.

          Aber welcher ist der „richtige“ Zugang zum Judentum, beziehungsweise gibt es überhaupt einen „richtigen“ Zugang zu dem, was in der Wissenschaft gern mit dem Plural „Judentümer“ umschrieben wird? In den antiken jüdischen Quellen findet sich schon ein Ansatz, von dem wir viel lernen könnten, nämlich der Versuch, eine Diskussionskultur zu etablieren, die ohne Bedenken alles in Frage stellen darf, sofern nur die Prinzipien der Freiheit, der Toleranz und der Würde nicht in Abrede gestellt werden. Und gerade diese Diskussionskultur gilt als Kern des rabbinischen Denkens. Ohne Diskussion in den jüdischen Akademien und rabbinischen Schulen hätten wir keinen Talmud, der als das Monument der jüdischen Denkart angesehen wird.

          Der Unterschied zu Griechen und Christen

          Im Fall Peter Schäfer konnte man zuhauf Polemiken und politische Stellungnahmen lesen. Im rabbinischen Judentum wären die Reaktionen wahrscheinlich anders ausgefallen: Denn als einer der Grundpfeiler der klassischen jüdischen Literatur gilt die kritische und sachliche Debatte, der das immerwährende Lernen zugrunde liegt.

          Und das ist es, was wir heute dringend nötig hätten, gerade auch weil nach rabbinischer Auffassung die Deutungshoheit nicht in einer einzigen (politischen oder religiösen) Autorität steckt, sondern in der Diskussion, in den Argumenten, in den logischen und rhetorischen Fähigkeiten. Das ist kein Idealismus, sondern reine talmudische Praxis, welche die Welt des Judentums von der Welt der griechischen und christlichen Deutungssysteme im Altertum ganz und gar unterscheidet.

          Was macht nach rabbinischer Auffassung eine Debatte aus? Sie besteht darin, Fragen zu formulieren und Antworten zu erhalten, die wiederum weitere Fragen generieren. Diese Form der Dialektik ist schon im Talmud greifbar. So besteht die talmudische Kunst des Lehrens darin, Freude am Nachdenken und Freude am Erkenntnisgewinn zu wecken.

          Zweifel an der Meinung des Lehrers

          Mit anderen Worten: Der Schüler soll lernen, zu denken, und lernen, systematisch zu argumentieren. Zur Kunst des Lernens gehört auch, Zweifel an der Meinung des Lehrers anzumelden. Im Zentrum des Torastudiums kann somit nicht das Dogma stehen.

          Das Judentum in Geschichte und Gegenwart kontrovers darzustellen sollte daher nicht als Irrlehre gelten, die versucht, jüdische Geschichte in ein schlechtes Licht zu rücken. Im Gegenteil: Ambiguität und Pluralität bringen den Wesenszug jüdischen Denkens zum Ausdruck: Lernen heißt Debatte, die keine alleinstellende Deutungshoheit wie in der katholischen Kirche kennt.

          Diese skeptische Haltung macht nicht einmal vor Gott halt – was in christlichen Kreisen für Verärgerung sorgte. Berühmt ist die Geschichte, wonach sogar die Gottesstimme abgelehnt wird, die sich in eine Debatte einmischen möchte: „Die Tora ist schon vom Berg Sinai her verliehen worden. Wir achten nicht auf eine etwaige (göttliche) Stimme, weil in der Tora geschrieben steht: ,nach der Mehrheit zu entscheiden‘.“

          Der Widerspruch geht auf Gott zurück

          Die rabbinische Vorstellung davon, was eine Auseinandersetzung enthält, geht noch stringenter weiter: So besagt eine Lehrtradition, dass, wenn die berühmten Schulen der Hilleliten und der Schammaiten nach fairer und unbefangener Diskussion zu widersprüchlichen Schussfolgerungen kommen, von Konsens deshalb keine Rede sein kann, weil der Widerspruch seinen Ursprung in Gott selbst hat.

          Diese herausfordernde Position wurde im Christentum heftig angegriffen. Der evangelische Theologe Johann Frischmuth vertrat 1658 die These, dass das rabbinische Judentum das Reich der aristotelischen Logik verlasse, wenn es den Widerspruch im ersten Prinzip lokalisiere. Frischmuth hat nicht verstanden, dass eine binäre Logik der Welt dienlich sein mag, sie aber nicht erklären kann und will, da wir als Menschen zwar immer dieselben Fragen stellen, diese aber nur zeitbedingt und kontextgebunden beantworten können.

          Die Diskussionskultur ist nach rabbinischen Vorstellung de facto unerschöpflich. Wo sogar Gott der rabbinischen Schule unterlegen ist, folgt man dem Prinzip der allen zugänglichen Wahrheit. Oder wie der Talmud feststellt: „Wer Worte der Wahrheit sagt, auch wenn er nicht Jude ist, soll als Weiser bezeichnet werden.“

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