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Niklas Luhmanns Aktualität : Macht der Computer die Gesellschaft unsichtbar?

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Niklas Luhmann Bild: Picture-Alliance

Vor zwanzig Jahren schrieb Niklas Luhmann mit „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ das Opus Magnum der Systemtheorie. Leben wir heute noch in der funktional differenzierten Sozialform, die er dort beschrieb?

          Kann man einen gesellschaftlichen Epochenwechsel als dessen Zeitgenosse beobachten? Als Niklas Luhmann vor zwanzig Jahren sein Hauptwerk „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ vorlegte, wollte er an der modernen Gesellschaft nicht das beschreiben, was sich immer wieder wandelt, sondern das, was den Wandel selbst hervorbringt. Die Soziologie, so Luhmann, habe das bisher nicht zustande gebracht, und nur wenige haben es seither noch versucht. Für die Auslastung des Faches genügt die übliche Forschung ohne gesellschaftstheoretische Ambitionen völlig. Und wo es solche Ambitionen noch gibt, stellt sich die Frage der Überbietbarkeit des Opus Magnum aus Bielefeld. Solange wir noch in der dort beschriebenen funktional differenzierten Gesellschaft leben, scheint man über Luhmann nicht hinausgehen zu können. Das gäbe dem Text eine Art Ewigkeitsgarantie – es sei denn, auch Luhmanns Beschreibung der modernen Gesellschaft wäre inzwischen veraltet. Geht die funktional differenzierte Gesellschaft vielleicht schon ihrem Ende entgegen?

          Luhmanns Werk begann mit einem Verzicht. Soziale Ordnung, hatten andere wie der amerikanische Sozialtheoretiker Talcott Parsons erklärt, könne es nicht ohne einen Grundkonsens der Gesellschaftsmitglieder geben. Jürgen Habermas hatte unthematische lebensweltliche Übereinstimmungen zur Grundlage seiner Gesellschaftstheorie gemacht. Luhmann sagt stattdessen: Notwendig ist nur der Dissens, da Streit und Ablehnung die Bildung von schlichtenden Strukturen erfordern und deshalb für den Aufbau sozialer Ordnung ausreichen. Luhmann beschränkt sich daher auf das „abgemagerte Konzept der Selbstbeschreibung“, wie er lakonisch bemerkt, und auf die Untersuchung gesellschaftlicher Selbstreferenz. Für die Systemtheorie ist der Begriff der Selbstreferenz so zentral, dass er gar nicht veralten könne, sagt der Systemtheoretiker Dirk Baecker. Allerdings könne das Interesse an Selbstreferenz ebenso wie das Interesse an einer Theorie veralten, die mit diesem Konzept arbeitet.

          Baeckers These ließe sich noch zuspitzen: Veraltet wirkt die Unaufgeregtheit einer Theorie, die allen heutigen Rufen nach mehr Konsens der Meinungen, mehr Sicherheit der Errungenschaften und mehr Gewissheit der Wahrheit schlicht entgegenhält, es gebe eben nur Selbstreferenz, also das „Einwirken von Kommunikation auf Kommunikation“. Die Gesellschaft sei nun einmal ein kommunikativ geschlossenes System, dessen Realität sich nur aus diesen Rekursionen von Sprache auf Sprache ergebe und nicht durch ein „Sichaufdrängen der irgendwie geordnet vorhandenen Außenwelt“. Nichts nimmt uns die Selbstverantwortung für unsere Sicht der Welt ab. Und dennoch, so Baecker, hätten diese Absage an äußere Autoritäten bisher weder die Soziologie noch die Sozialtheorie übernommen.

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