https://www.faz.net/-gqz-92679

Niklas Luhmanns Aktualität : Macht der Computer die Gesellschaft unsichtbar?

  • -Aktualisiert am

Die funktionale Differenzierung verliert an Relevanz

Vielleicht ist dieser Eindruck des Zerfalls von Gemeinsinn ja aushaltbar, solange in den Redaktionen der seriösen Medien, den Vorstandsetagen der Konzerne, den Zentralen der gemäßigten Parteien und im Personal von Recht, Bildung und Wissenschaft sozusagen der kalte Kern der Gesellschaft erhalten bleibt, in dem die funktionale Differenzierung noch intakt ist, während sich im Vordergrund der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit und Aufgeregtheit ein neues Regime der Entdifferenzierung ausbreiten darf, solange es nicht in die Geschäftsgrundlagen der funktionalen Differenzierung eingreift?

Auch Dirk Baecker beruft sich auf die „Gesellschaft der Gesellschaft“ – und geht bereits darüber hinaus. Baecker bemerkte schon 2007 in seinem Buch „Studien zur nächsten Gesellschaft“, dass diese „nächste Gesellschaft eine Gesellschaft sein wird, die die funktionale Differenzierung hinter sich gelassen haben wird“. Luhmann habe uns, so Baecker, mit seinem Werk nicht den Abschluss seiner Theorie, sondern den nächsten Schritt zu ihrer Weiterentwicklung hinterlassen. Das Buch sei durchzogen von der Annahme, dass eine Epochenzäsur durch die Reaktion der Gesellschaft auf die Durchsetzung elektronischer Medien möglich sei. Damit komme die moderne Buchdruckgesellschaft zu ihrem Ende, und es begänne eine neue, eben die nächste Gesellschaft, die eine andere Differenzierungsform aufweise (zu der Luhmann nichts sage) und die sich in einer neuen Kulturform andeute.

Es spricht nicht gegen Baecker, dass seine Beschreibung dieser epochalen „Umstellung der Gesellschaft auf eine Computergesellschaft“ auch in seinen aktuellen Beiträgen eher spekulativ ausfällt. Baecker zufolge sei Luhmann jedenfalls von der Bedeutung der Digitalisierung schon so überzeugt gewesen, dass er sich in der „Gesellschaft der Gesellschaft“ an einer zentralen Stelle zum Offenhalten einer überraschenden „Unbestimmtheitsstelle“ genötigt sah, die die weitere Ausdifferenzierung und Reproduktion der Gesellschaft als auch ihre Theorie betreffe. Luhmann gab an dieser Stelle zu, die Konsequenzen der Digitalisierung in der weiteren Evolution des Gesellschaftssystems einfach nicht überblicken zu können. Und das liege nicht daran, dass man die internen Operationen des Computers bereits als Kommunikation betrachten müsse, die menschliche Kommunikation ersetzen oder gar überbieten könne. Das war für Luhmann eher eine Verharmlosung des Problems. Was also war das nicht lösbare Problem der „Gesellschaft der Gesellschaft“?

Metapher der Unsichtbarkeit

Vielleicht äußerte sich darin die Skepsis eines Gelehrten aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert, aber Luhmann war wohl davon überzeugt, dass der Computer die Gesellschaft unsichtbar macht. Oder jedenfalls einen wachsenden Teil von ihr. Diese Teilmenge, also die Leistungen der unsichtbaren Maschine Computer, ist und bleibt dem Bewusstsein und der Kommunikation unzugänglich, also auch die von ihnen konstruierte Realität. Und doch wirkten sie über strukturelle Kopplungen auf Menschen und die Gesellschaft ein.

Welche das sein könnten, muss Luhmann offenlassen. Baecker dagegen riskiert den Vorwurf der Mystik und spricht von der „unerfindlichen Verwobenheit“ des ursprünglich rational Getrennten. Richten wir uns damit ein, so sein Rat, dass wir die Hybride von Mensch und Gesellschaft ohnehin nicht mehr verstehen könnten. Dann verstehen wir aber auch nicht mehr, warum für die moderne Gesellschaft ihr eigener Fortschritt da, wo er nicht der Kampf gegen Fortschrittsdefizite oder äußere und innere Fortschrittsfeinde ist, nur noch der Fortschritt der Technik ist.

Luhmanns Metapher der Unsichtbarkeit legt nahe, dass er Baeckers enthusiastisches Staunen darüber wohl nicht geteilt hätte. Nicht die Ähnlichkeit des Computers zum menschlichen Denken war für Luhmann das unlösbare Problem, sondern dessen Andersheit. Die so großartig designten Schnittstellen zwischen dem Computer und seinen Benutzern verstecken die Andersartigkeit der Maschinen natürlich auf so perfekte Weise, dass die alte europäische Frage, was der Mensch ist, im 21. Jahrhundert wohl vergessen werden wird.

Weitere Themen

Wo Politikern die sozialen Kompetenzen fehlen

Online-Knigge : Wo Politikern die sozialen Kompetenzen fehlen

Julia Klöckner schimpft über „Hatespeaker“, Annegret Kramp-Karrenbauer erntet Spott für biblische Plagen und Staatssekretärs Thomas Bareiß kritisiert Erstwähler. Manche CDU-Politiker tun sich schwer mit sozialen Medien. PR-Profis erklären, wie sie es besser machen könnten.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.