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Niklas Luhmanns Aktualität : Macht der Computer die Gesellschaft unsichtbar?

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Rand der Gesellschaft gegen Rand der Mitte

Die postfaktischen Parolen werden in der Gewissheit zur Kenntnis genommen, dass sie die eigene Position nicht betreffen und auf bestimmte Milieus beschränkt sind: Nicht die Gesellschaft insgesamt leiste sich die Flucht in die Borniertheit des Postfaktischen, sondern nur bestimmte Teile von ihr – darunter Menschen, die sich ausschließlich über soziale Medien politisch informieren, beispielsweise AfD-Wähler und Anhänger Trumps, rechte wie linke Blogger, ungebildete Generalisten und esoterische Bildungsspezialisten. Aber wie sehr ist das noch der Rand der Gesellschaft und nicht schon der Rand ihrer Mitte?

André Kieserling, Luhmanns Nachfolger an der Universität Bielefeld, sieht die funktionale Differenzierung von diesen Phänomene noch nicht in Frage gestellt. Von einem Epochenwandel durch Digitalisierung, so Kieserling, könne man nur dann sprechen, wenn darüber die Unterschiede zwischen den Funktionssystemen verschwänden. Dafür gebe es aber keine Anhaltspunkte. Denn die Motive, das Netz zu nutzen, und die Formen, die sich dabei herausbilden, seien doch sehr deutlich an bestimmte Funktionen gebunden. Teils gehe es um Liebesglück, teils um Produktwerbung, teils um politische Meinungen – und mit allem lasse sich natürlich auch Geld verdienen.

Es sei die Einheit des technischen Substrats, also das, was man gemeinhin auf die Formel des „Im-Netz-Seins“ verkürzt, die den Eindruck aufdränge, alle diese verschiedenen Rollen und Welten fänden nun plötzlich gleichzeitig statt und ließen sich nicht mehr trennen. Und doch ereigne sich dieser Gesellschaftsvollzug in einer Welt funktionaler Differenzierung – wir könnten uns und die anderen „im Netz“ andernfalls auch gar nicht verstehen. Luhmann verbucht beispielsweise die Entstehung „weltweit operierender Netzwerke des Sammelns von Daten“ als Argument für die Tatsache einer Weltgesellschaft. Aber bedenkt man das Verhältnis dieser Weltgesellschaft zur Politik, erkennt man wieder die Folgekosten der globalen Vernetzung in Form wachsender politischer Spannungen zwischen den Kulturen, Überforderungen der Nationalstaaten und der Schwäche supranationaler Regime.

Der Berliner Systemtheoretiker Kai-Uwe Hellmann greift auf die Unterscheidung latent versus manifest zurück, um die gegenwärtige Situation zu beschreiben. Im Bereich der Latenz wirke die funktionale Differenzierung so lange fort, bis ein neues Ordnungsprinzip globale Anerkennung finde. Im Bereich des Manifesten jedoch, also dort, wo unser Alltag geschieht, gebe funktionale Differenzierung immer weniger Orientierung. „Im unmittelbar Sichtbaren stellt sich der Eindruck einer fortschreitenden Entdifferenzierung, eines unaufhaltsamen Hybridisierungsprozesses ein. Das Latente und das Manifeste unserer Gesellschaft sind zwei Welten, die nebeneinander bestehen, weil wir kognitiv als Alltagsmenschen die weltgesellschaftliche Komplexität überhaupt nicht mehr überschauen und für den ,common sense‘ alles durcheinander läuft.“

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