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Niklas Luhmanns Aktualität : Macht der Computer die Gesellschaft unsichtbar?

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Aktuelle Beispiele für diese Konsequenzen der Differenzierung wären ein Wissenschaftssystem, das sich selbst Ethikregeln verschreibt, um den moralischen Erwartungen aus der Gesellschaft zu genügen; eine Politik, die unter Brechung europäischen Rechts den Nationalstaat aufgibt, weil sie dessen Grenzen unter dem Migrationsdruck nicht mehr verteidigen zu können glaubt und dann dem Rechtssystem die Abarbeitung der Folgen des eigenen Rechtsbruches überlässt. Aber auch das Recht, das aus Rücksicht auf außerrechtliche Empfindlichkeiten auf seine eigene Durchsetzung verzichtet – siehe rechtsfreie Zonen in deutschen Großstädten. Oder ein Schulsystem, das lieber alte Bildungsstandards aufgibt, als deren Aufrechterhaltung in der Notenvergabe transparent zu machen – um dann dem Wirtschaftssystem die undankbare Aufgabe zu überlassen, die Qualifikationen selbst zu bewerten. Und schließlich eine Öffentlichkeit, die sich in einem postfaktischen Zeitalter wähnt, in dem Institutionen (unabhängige Medien, Gerichte, die Wissenschaft), die in der Erfassung der Wirklichkeit eigentlich bewährt sind, jegliche Kompetenzvorsprünge abgesprochen werden.

Gerade letzteres Phänomen legt es nahe, an Luhmanns These der wechselseitigen Belastung der Funktionssysteme den Aspekt der Entlastung nicht zu vergessen. Man entlastet sich von der Zumutung des Vertrauens in die bewährten Institutionen wie Presse, Gerichte und Wissenschaft durch die Übernahme von einem Verhältnis zur Wirklichkeit, das eigentlich für die Rezeption von Kunst reserviert war: Etwas gefällt mir, affiziert mich äußerlich, ist rasch wiedererkennbar, unterhält mich leichter als etwas anderes, kurz: Es gleicht mir und meinen Überzeugungen – und darum mache ich es mir zu eigen, halte es für wahr und erwarte, dass es sozial anerkannt wird. Luhmann lobte die Kunst dafür, dass sie fiktionale und dennoch reale Arrangements ausprobiere, um der Gesellschaft in der Gesellschaft zu zeigen, dass es auch anders gehe. Aber gerade nicht: dass es beliebig gehe.

Luhmann hielt die Kunst allerdings für gesellschaftsstrukturell harmlos. Sie könne sich darum ein geradezu spielerisches Verhältnis zu Fragen des vernünftigen Konsenses oder Dissenses erlauben, ohne Abweichendes abwerten oder gleich ausschließen zu müssen. Nun kann man, solange man damit keine Rechtsnormen verletzt, zwar auch in den sozialen Medien den größten Unsinn verbreiten, ohne deshalb vom Wahlrecht ausgeschlossen zu werden und vom Kapitalmarkt oder von der Schule zu fliegen. Nun sind Fake News und deren strategische Verbreitung im Unterschied zu Meinungsverschiedenheiten über Kunstwerke sozialstrukturell alles andere als harmlos. In weiten Kreisen dominiert trotzdem die Ansicht, die funktionale Differenzierung würde auch die sozialen Medien überleben. Kann diese Gesellschaft denn überhaupt anderes als von der Alternativlosigkeit ihrer Binnendifferenzierung überzeugt sein?

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