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Niklas Luhmanns Aktualität : Macht der Computer die Gesellschaft unsichtbar?

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Schärfere Konsequenzen

Luhmanns Theorie wäre danach erst veraltet, wenn man für die Annahme, dass sich die Gesellschaft allein über selbstbezügliche Kommunikationen bildet, ein funktionales Äquivalent gefunden hätte oder sie als funktional überflüssig begreifen würde – und für beides fänden sich bisher keine Hinweise. Überall dort, so Baecker, wo geschäftsführend und strategisch gedacht wird, sei es in Behörden, Redaktionen, Parteikanzleien und Stabsabteilungen, bei Dramaturgentreffen und Kirchentagen, spiele die Systemtheorie als implizites Hintergrundwissen zwar durchaus noch eine gewisse Rolle. Die neuen Leitdiskurse der Managementlehren, Neuro- und Computerwissenschaften hätten sie jedenfalls noch nicht ersetzen können, da Gesellschaft bei ihnen gar nicht vorkomme. Und wo sie noch vorkomme, also in manchen zeitdiagnostischen Publikationen aus der heutigen Soziologie, handle es sich bestenfalls um wechselnde Beschreibungen der kapitalistischen Gesellschaft. Wahrscheinlicher als das Schicksal des Veraltens sei für Luhmanns Theorie daher dasjenige des Vergessenwerdens.

Es kann dahingestellt bleiben, ob dieses Schicksal nicht eher der Theorie von Parsons’ oder Habermas’ droht. Auf der Ebene der Beschreibung der heutigen Gesellschaft war sich Luhmann der Dialektik der modernen Gesellschaft jedenfalls völlig bewusst. Er ließe sich hier als doktrinärer Realist bezeichnen – der funktional differenzierten Gesellschaft hielt er die Treue, verschloss aber nie die Augen vor ihrer unbestreitbaren Krise. Die war auch in Bad Oeynhausen, Luhmanns Wohnort, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bereits unübersehbar, also noch vor Internet, Islamismus, Klimawandel und Migration – auch wenn es das alles natürlich längst schon gab.

Ganz am Ende der „Gesellschaft der Gesellschaft“ spottet Luhmann über „die sogenannte Postmoderne“. Seine eigenen Analysen hätten nämlich für eine wie auch immer geartete Nachmoderne „keinerlei Anhaltspunkte gegeben, dass irgendwann in diesem Jahrhundert eine Epochenzäsur zu beobachten sei, die das Gesellschaftssystem selbst betrifft und die es rechtfertigen könnte, einen Übergang von der modernen zu einer postmodernen Gesellschaft zu behaupten“. Es gebe aber „bemerkenswerte strukturelle Veränderungen innerhalb der einzelnen Funktionssysteme“, vor allem als Folge von Globalisierungstendenzen und der wechselseitigen Belastungen der Systeme. Und dennoch blieben uns all die Errungenschaften der Moderne – „Altersklassen in den Schulsystemen, Parteiendemokratie als Staatsform, unregulierte Heiratspraxis, positives Recht, an Kapital und Kredit orientiertes Wirtschaften“ – erhalten, nur ihre Konsequenzen finde man schärfer ausgeprägt.

Harmlose Kunst

Eine Konsequenz hatte Luhmann längst gezogen: An Modernität als „Superbegriff“ für einen sich selbst einstellenden Steigerungszusammenhang von Evolution, Politik und Kultur glaubte er nicht mehr. Denn gerade die hohe Spezialisierung und Autonomisierung der Funktionssysteme, heißt es in dem zeitgleich publizierten Text „Kausalität im Süden“, werde „zu wechselseitigen Belastungen führen, von denen man nicht voraussehen könne, wie sie in Einzelfällen zu bewältigen wären“. Oder gar in ihrer Summe.

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