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Historiker Niall Ferguson : Anwender (m) gesucht

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Niall Ferguson Bild: EPA

Niall Ferguson sprach am Institute of Advanced Study in Princeton darüber, was große Männer aus den Taten noch größerer Männer lernen können. Einige Professoren wollten davon nichts hören.

          Am Ende seines Vortrags versuchte sich der Referent in so etwas wie Selbstironie. Ob denn keine der anwesenden Damen eine Frage stellen wollte? Ausgewogenheit der Geschlechter sei schließlich wichtig. Damit spielte Niall Ferguson im Institute of Advanced Study in Princeton auf ein Ereignis an, das ihm reichlich negative Schlagzeilen eingebracht hat. Der nach Professuren in Oxford und Harvard inzwischen am Hoover-Institut in Stanford, einem konservativen Thinktank, tätige Historiker hatte im März zu einer Tagung zum Thema „Angewandte Geschichte“ nach Kalifornien gebeten. Dreißig weiße Männer und eine weiße Frau standen auf der exklusiven Einladungsliste der vorher nicht beworbenen Veranstaltung. Als das herauskam, musste sich Ferguson scharfe Kritik an der fehlenden Diversität anhören (F.A.Z. vom 21. März).

          Der Vielschreiber, Autor vieldiskutierter und höchst umstrittener Bücher, etwa über die Bankiersfamilie Rothschild, das britische Weltreich, virtuelle Geschichte und Henry Kissinger, pflegt einen exquisiten Hang zu Fettnäpfchen. So kommentierte er 2013 das berühmte Diktum von John Maynard Keynes „Auf lange Sicht sind wir alle tot“ mit dem Hinweis, der Ökonom sei aufgrund seiner Homosexualität und Kinderlosigkeit gegenüber der Zukunft indifferent gewesen. Ferguson erntete einen Proteststurm und entschuldigte sich auf Twitter sogleich für seine „dummen und taktlosen Bemerkungen“.

          Ferguson, der in seinem zuletzt erschienenen Buch zur Geschichte sozialer Netzwerke vor der wachsenden gesellschaftlichen Polarisierung durch soziale Medien warnte, polarisiert selbst enorm. Die Professoren des Institute for Advanced Study äußerten mehrheitlich jedenfalls scharfe Kritik an der Vortragseinladung an ihn. Und blieben fast ausnahmslos der Veranstaltung fern. Und fast alle Fellows taten es ihnen gleich. Die Organisatorin des Vortrags, die deutsche Historikerin Karina Urbach, die den Status einer „Langzeitbesucherin“ an der historischen Abteilung des Instituts innehat, begrüßte entsprechend schmallippig vor allem ein älteres Publikum aus dem Kreis der „Freunde des Instituts“.

          Bernankes Wissen

          Nach der Aufregung im Vorfeld brachte der Vortrag hingegen nicht viel Neues. Ferguson pries ein weiteres Mal die Vorzüge der von ihm propagierten „angewandten Geschichte“, die seiner Meinung nach auf Thukydides zurückgeht. Er beklagt schon seit geraumer Zeit die Geschichtsblindheit von Wirtschaft und Politik in den Vereinigten Staaten und fordert einen historischen Beraterstab für das Weiße Haus, dem er, dieser Eindruck drängt sich jedenfalls auf, gerne vorsitzen möchte. „Angewandte Geschichte“ heißt für ihn Politikberatung. In Princeton suchte er seinen Ansatz anhand von zwei Beispielen zu illustrieren, die er schon in früheren Publikationen beschrieben hat: der Reaktion der amerikanischen Regierung unter George W. Bush auf die Ereignisse des 11. September 2001 und der Maßnahmen der US-Notenbank unter Ben Bernanke angesichts der Pleite der Lehman-Bank im September 2008.

          Fergusons Grundthese lautet, dass politisch Verantwortliche bei ihren Entscheidungen häufig auf historische Analogien zurückgreifen, täten das jedoch selten systematisch und legten selten darüber Rechenschaft ab. Zu den wenigen modernen Praktikern angewandter Geschichte habe Henry Kissinger gehört, der Geschichte indes keineswegs als Kochbuch betrachte, das mehrfach ausprobierte Rezepte bereithalte. „Geschichte“, zitierte Ferguson Kissinger, „lehrt durch Analogien, nicht durch Maximen“ und „beleuchtet die Folgen von Aktionen in vergleichbaren Situationen“. Welche Analogien mögen Kissinger wohl dazu gebracht haben, Vietnam in Schutt und Asche legen zu lassen? Die Geschichte der Opfer politischer Entscheidungen, zumal wenn sie irgendwo im „globalen Süden“ leben, ist Fergusons Sache nicht.

          Er hält es lieber mit den großen Männern. Es sei ein Glücksfall gewesen, dass während der Finanzkrise von 2008 mit Bernanke ein Mann an der Spitze der Notenbank gestanden habe, der über solide historische Kenntnisse verfügte. Daraus habe Bernanke die aus Fergusons Sicht richtigen Schlussfolgerungen gezogen, etwa dass Finanzkrisen international seien und daher nach einer internationalen Lösung verlangten. Die Geschwindigkeit, mit der die Notenbank andere Zentralbanken davon überzeugt habe, zu Stabilisierungszwecken kurzfristige Zinssätze zu senken, könne auf Bernankes Wissen um die während der Großen Depression gemachten Fehler zurückgeführt werden. Der amerikanische Notenbankchef habe sich im Übrigen auch deshalb an historischen Referenzen orientiert, weil makroökonomische Modelle für die Krisenbewältigung untauglich gewesen seien.

          Bernanke hat also die Geschichtsprüfung bei Ferguson bestanden. Ist dessen These nun, dass historische Perspektiven Politikern und anderen Entscheidern grundsätzlich zu besseren Urteilen verhelfen? Aber taugt dann ein so antiquiertes Geschichtsbild wie das von Ferguson wirklich als Entscheidungshilfe für aktuelle Probleme? Sein Vortrag in Princeton hat einmal mehr unterstrichen, dass sich für ihn Geschichte, Gegenwart und Zukunft nahezu ausschließlich um weiße, zumeist ältere Männer drehen. Es passte irgendwie, dass trotz Aufforderung keine der Zuhörerinnen eine Frage stellen wollte.

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