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Neues von den Germanen (5) : Warum schwärmen Rechtsextreme für Frühgeschichte?

Sammelbecken für Rechtsextreme: Ein Darsteller im polnischen Freilichtmuseum Wolin kombiniert ein Tattoo eines SS-Totenkopfes mit einem aus dem historischen Kontext gerissenen Hakenkreuzensemble aus vandalischer Zeit. Bild: Archäologisches Freilichtmuseum Oerlinghausen

Im Freilichtmuseum Oerlinghausen sieht man noch Reste des Germanenkults aus der NS-Zeit. Rechtsextreme kommen in Scharen. Der Museumsleiter hat ein Buch über sie geschrieben. Im Gespräch analysiert er die Szene.

          Das Archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen geht auf ein in der NS-Zeit gestaltetes Germanengehöft von 1936 zurück und war das erste germanische Freilichtmuseum der Welt. Was wurde dort gefunden – und was wurde daraus gemacht?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Karl Banghard: Man hat recht wenig gefunden in den zwanziger und dreißiger Jahren. Es handelte sich allerdings um eine der frühesten eisenzeitlichen, man kann auch sagen germanischen Siedlungen, die entdeckt wurde. Zunächst sah man zu wenige archäologische Grundlagen für eine Rekonstruktion, das änderte sich aber mit einem Mal. 1936 kam zum einen die Olympiade, für die man ein modernes Germanenbild brauchte, zum anderen wollte das Amt Rosenberg, der sogenannte „Reichsbund für deutsche Vorgeschichte“, ein Konkurrenzunternehmen zu dem archäologischen Budenzauber, den die SS an den Externsteinen im Teutoburger Wald veranstaltete, einrichten.  

          Was genau hat man gefunden?

          Man hat einige wenige Pfostenlöcher gefunden und Gruben aus der Eisenzeit. Viele Funde kamen aus dem entwickelten Frühmittelalter, diese hat man dann recht pauschal mit der Germanenzeit in Verbindung gebracht. Zunächst hatte man recht moderne Ansätze, man wollte in diesem Olympiasommer der Welt zeigen, dass man auf reformpädagogische Ideen zurückgreift und wollte die Funde im Kontext unterschiedlicher Zeiten präsentieren, es setzte sich aber mit der Zeit ein sehr festbetoniertes Germanenbild durch. Die Umsetzung ist aber betont schnörkellos, eher modern als „völkische Bewegung“. Auf der anderen Seite wurden die präsentierten Inhalte total ideologisiert.

          Einzelhaus des „Germanischen Freilichtmuseums“ in Oerlinghausen  in den dreißiger Jahren.

          Nach welchen Phantasien hat man die Museumsgebäude entworfen, woran hat man sich orientiert?

          Man hat ein sehr sauberes, gerades Germanenbild entworfen. Man hat zum Beispiel gesägte Balken verwendet und sogar moderne Elemente wie Betonfußböden. Man hat auch eine Idee des modernen Arbeiters entwerfen wollen, die dessen Wunschvorstellungen entgegen kommen sollten: Einzelhäuschen, komplett eingerichtet, kein gemeinschaftliches Arbeiten, sondern Arbeitsteilung und Spezialisierung: es gab ein Haus des Töpfers, ein Haus des Bäckers und so weiter. Es wurde eine große Kontinuität bis ins 20. Jahrhundert hinein behauptet: das Ewig-Cheruskische.

          Wie viele vergleichbare Freilichtmuseen gab es in der NS-Zeit?

          Es gab noch Unteruhldingen und Mettnau am Bodensee, außerdem eine Anlage der „Nordischen Gesellschaft“ in Lübeck, fast zeitgleich mit unserer erbaut. Der Plan war, dass jeder NS-Gau eine solche Anlage als Zentralmuseum erhält.

          Krummer und mehr Holz: Das Archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen heute

          Wie gehen Sie heute mit der Geschichte des Museums um? Die NS-Anlage ist ja komplett abgerissen worden.

          Ja, zu Beginn der sechziger Jahre wurde sie zunächst in erschreckender Kontinuität im selben Stil wieder aufgebaut, die F.A.Z. berichtete damals als erste kritisch. 1979 hat man dann, mit öffentlichen Geldern, einen richtigen Neustart vorgenommen. Heute behandeln wir die Vergangenheit der Anlage als Chance. Der Besuch von Gedenkstätten wie Auschwitz ist sehr wichtig, sie ermöglichen Schülern aber die Reaktion: Diese unglaublichen Verbrechen haben nichts mit mir zu tun, es gibt keine Bezugspunkte. Bei uns hat man die Chance zu erfahren: Mensch, da hätte ich vielleicht auch mitgemacht – Feuer machen, Naturerlebnis, Geschichtserzählungen, Erfahrungen von eigener Größe in der Vorgeschichte.

          In den sechziger Jahren wurde das Freilichtmuseum nach alten Plänen aus der NS-Zeit rekonstruiert, dieser Komplex wurde erhalten – diese Computersimulation zeigt den geplanten Rückbau

          Was genau sind die Brücken?

          Wir haben in Oerlinghausen vor, das eine, aus den sechziger Jahren verbliebene Haus zweizuteilen, es soll durch eine große Plexiglasscheibe getrennt werden. Die eine Seite zeigt den Zustand aus der NS-Zeit, die andere soll zeigen, wie wir uns die Fundzeit heute vorstellen. Dadurch soll die ideologische Durchdringung des Nationalsozialismus deutlich werden, die bis hin zum Productplacement reichte: Hakenkreuze auf Truhen. Im zweiten Haus soll man mittels Tablet und Augmented-Reality-Brille verschiedene Einrichtungsalternativen sehen können, das Ganze wird dann verbunden mit spielerischen Elementen: „Suche den Fehler“.

          Inneneinrichtung des Germanengehöfts mit Hakenkreuz-Applikationen in den dreißiger Jahren

          Sind die Unterschiede nicht zu niederschwellig, als dass man markante Schlüsse daraus ziehen könnte?

          Die Unterschiede sind radikal. Wir würden heute zum Beispiel viel krummer bauen, es würde mehr Holz verwendet, weniger Waffen wären zu sehen. Der Eindruck wäre insgesamt fremder, was ja auch eine wichtige Erfahrung ist. Die Schüler sollen einen wachen Kopf behalten und sich selbst Gedanken machen.

          Sie haben ein Buch mit dem Titel „Germanen und der rechte Rand. Nazis im Wolfspelz“ geschrieben, in dem Sie sich mit der Selbstdarstellung der extremen Rechten von heute auseinandersetzen. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

          Bevor ich nach Oerlinghausen kam, hatte ich schon viel Freilichterfahrung, aber noch nie Auseinandersetzungen mit der extremen Rechten gehabt. An einem Erinnerungsort wie Oerlinghausen gab es aber ständig kleine Scharmützel. Es gab Versuche von Übernahmen, auf Großveranstaltungen traf man immer wieder auf führende Rechtsextreme, es gab kleine Demonstrationen. Besucher kamen in der Tracht der Heimattreuen Deutschen Jugend, die verboten ist. Bei einer so kleinen Institution wie der unsrigen wird gerochen, dass man sie angreifen kann. Ich habe dann irgendwann begonnen, gegen die Aggressoren zu recherchieren. Der Eindruck, es müsse eine Diskussionsgrundlage zum Thema rechtsextreme Selbstdarstellung geben, wurde immer stärker, als wir beim Blick nach Osteuropa festgestellt haben, wie schnell aus einer Subkultur in autoritären Systemen etwas Staatstragendes werden kann.

          Das Tattoo auf der linken Wade zeigt einen KZ-Wachturm, der Spruch „Blut und Ehre“ ist in Deutschland strafbewehrt.

          Was suchen die Rechtsextremen bei Ihnen?

          Es geht darum Kämpfe um die Deutungshoheit auszutragen, die seit Generationen stattfinden. Orte sind für Rechtsextreme sehr wichtig, viel wichtiger als zeitliche Zusammenhänge. Die Externsteine, der Teutoburger Wald, das Hermannsdenkmal, die Wewelsburg, unser Museum, das liegt alles eng beisammen, die Gegend ist eine regelrechte Destinationen für extreme Rechte, die busseweise angefahren wird.

          Das sind richtige Gruppenreisen?

          Ja. Eine typische Formulierung bei der Anmeldung im Internet ist: „geschichtsinteressierte junge Leute“. Es geht inzwischen übrigens auch so weit, dass sich die extreme Rechte, zum Beispiel in Osteuropa und den Vereinigten Staaten, Freilichtmuseen selbst baut.  Das kann ja jeder tun, man benötigt dafür keine Originalfunde. Die brauchen uns im Grunde gar nicht mehr, nur noch für die Erinnerung.

          Standarte ohne jeglichen frühgeschichtlichen Bezug in Wolin, 2017

          Sie schildern in Ihrem Buch Erlebnisse vom Wikinger-Festival im polnischen Wolin, auf dem es von rechtsextremen Symbolen nur so wimmelt.

          Jedes Jahr, Anfang August, kommen über 30.000 Touristen dorthin. Das ist das bedeutendste Frühmittelalterfestival für die Living-History-Szene, die dort auf Touristen aus Usedom und von den Mecklenburgischen Küstenorten trifft. Es gibt dort viele normale Frühmittelalterdarsteller, aber auch viele extreme Rechte. Ich weiß, wie es auf einer Pegida-Demonstration aussieht oder, wenn die extreme Rechte mal nach Bielefeld kommt, dort entsteht aber nicht ein so eindringliches Bild wie in Wolin. Als ich das letzte Mal dort war, war der Erste, der mir entgegengekam, ein Hammerskin, der sich einen KZ-Turm auf die Wade tätowiert hatte und das ganz offen zeigte. Und so ging es weiter: SS-Tattoos in ungeahntem Ausmaß und alles zwischen Touris und Kindern. Da traut sich auch niemand mehr, etwas zu sagen. Das ist so massiv, dass diese Schwelle überschritten ist. Wenn dann noch harte Blood-and-Honour-Bands an der Grenze zum Rechtsterrorismus auftreten, habe ich ein richtiges rechtsextremes Kompaktpaket. Die Krönung ist in dieser Hinsicht das Kurultaj-Festival in Ungarn mit 300.000 Besuchern. Das ist eine gigantische Veranstaltung, die von der Regierung gefördert wird. Dort treten ungarische Rechtsrock-Bands auf, den Wachtdienst macht die Ungarische Garde, die eigentlich verboten ist, es gibt Schädelausstellungen und es entsteht so etwas wie eine Nationalesoterik, die offizielle Weihen bekommt.

          So etwas würde auf deutschem Boden wohl von der Polizei aufgelöst werden.

          In Polen gab es auch Einsätze von der Militärpolizei, aber da ging es mehr um Waffenhandel. Ich denke, dass die Geheimdienste das laufen lassen, weil es der ideale Ort ist, um die Szene zu beobachten. Es kommen extreme Rechte aus der Ukraine, aus Schweden, aus den Vereinigten Staaten.

          Wird dort eigentlich nicht unterschieden zwischen Slawen und Germanen?

          Das ist interessant. Der Abstand zwischen beiden, wenn man die Stammbäume in den NS-Schulbüchern mit heutigen rechtsextremen Veröffentlichungen vergleicht, ist immer kleiner geworden. Der Slawe rückt immer näher an den Germanen heran, man sucht den Brückenschlag in den letzten zwanzig Jahren.

          Germanenaufzug in Oerlinghausen, 1936. Es führte zu Konflikten, dass eine Frau den Zug anführt.

          Wie würden Sie die rechtsextreme Selbstdarstellung charakterisieren, welche Rolle spielen die Germanen dabei?

          Zunächst ist da, ganz oberflächlich betrachtet, eine spezifische Kampfesästhetik. Auf einer tieferen Ebene ist die „germanische Größe“ zentraler Bezugspunkt für Rechtsextreme – unglaubliche, verkannte Leistungen germanischer Kultur, im Gegensatz auch immer zu den mediterranen Hochkulturen. Wobei immer argumentiert wird, dass diese Leistungen vom derzeit herrschenden System bewusst geschmälert werden. Und wenn ich eine entkoppelte Erzählung jenseits der Basiserzählung militant vertrete, gibt es immer eine Gruppe von Menschen, die lieber mir, dem Angreifer, zuhören. Ebenfalls zentral ist die Vorstellung der Überzeitlichkeit, man versucht, Linien zur Bronzezeit oder zum Neolithikum zu ziehen und zu fragen: Was davon ist in uns noch heute vorhanden? Verbunden ist dies mit dem Versprechen, dass die Gene eines Volkes gleich bleiben – in gewisser Weise eine Unsterblichkeitsvorstellung. Zu alldem gibt es in den extrem rechten Medien Tausende von Darstellungen und Artikel.

          Woher kommt die Germanen- und Wikinger-Ästhetik der Rechtsextremen eigentlich? Einerseits könnte sie aus Fantasy-Filmen stammen, andererseits könnte man annehmen, dass Fantasy-Filme sich ihrer bedienen oder es gemeinsame Wurzeln gibt – die frühen Richard-Wagner-Inszenierungen zum Beispiel.

          Die alten Bilder gehen auch auf die geschichtlichen Schulwandbilder zurück, die zum Teil noch bis in die achtziger Jahre hinein im Einsatz waren. Das war ein ganz wichtiges Medium mit großer Verbreitung. Spannend finde ich aber vor allem die neuen Bilder. Der Tolkien-Boom zum Beispiel hat solche hervorgebracht. Da reicht schon eine bestimmte Haltung auf dem Pferd, um eine ganze Gefühlswelt auszulösen. Es hat sich vieles getan, gerade auch im Hinblick auf die Kampfmetapher, in der man sich übrigens von NS-Kampfbildern löst, die waren nämlich gar nicht so martialisch, wie man dächte. Die Germanenbild-Produktion ist noch heute zentral für die extreme Rechte, von den Identitären und Rechts-Intellektuellen des Antaios-Verlags bis zum wotanistischen Hardcore-Rechtsextremismus aus Osteuropa.

          Warum lieben Rechtsextreme die Frühgeschichte?

          Sie können ihre Grundbotschaften damit hervorragend transportieren, sowohl in den eigenen Reihen als auch als trojanisches Pferd in die Gesellschaft hinein, weil sich auch sonst kaum jemand um das Thema kümmert. In den Magazinen der extremen Rechten sind Archäologie und die Germanen allgegenwärtig. Häufig werden politische Artikel einfach mit Bildern aus diesem Bereich ergänzt, ohne jegliche Erklärung, sie verstehen sich sozusagen von selbst.

          Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus.

          ***

          Karl Banghard

          Karl Banghard studierte Vor- und Frühgeschichte, christliche Archäologie und Mongolistik in Bonn und Heidelberg, konzipierte diverse moderne Freilichtanlagen wie das Federseemuseum und die Bachritterburg in Kanzach und ist seit 2003 Direktor des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen.

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