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Neues Gesetz : Ist das Ende der Psychologie gekommen?

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Die nun einsetzende Dynamik dürfte beträchtlich sein. Schon jetzt ist Klinische Psychologie bei den Studenten die beliebteste Richtung. Unter dem Namen Psychotherapie mit einer staatlichen Approbation aufgewertet, wird diese Richtung vollends dominant. Das zu erwartende reiche Angebot an Bezugswissenschaften wird bei Studenten wohl eher Anklang finden als Spezialseminare zur Vertiefung der Kenntnis psychologischer Grundlagen und Methoden und als Übungen zur Vorbereitung auf eine andere als die therapeutische Praxis. Die bisher vorherrschende, historisch gewachsene, in der internationalen Forschung achtbar vertretene nicht heilkundliche Psychologie steht also in Konkurrenz sowohl zur heilkundlichen Psychotherapie als auch zu deren zahlreichen Bezugswissenschaften. Falls sie nicht als Gewinnerin aus dieser Konkurrenz hervorgeht, drohen Verwaltungsgerichte, ihren gegenwärtigen Bestand als Überkapazität zu bewerten, welche die Universitäten möglicherweise zugunsten heilkundlicher Fächer abzubauen haben.

Der Wissenschaftsrat hat in seiner Stellungnahme vom Januar 2018 die Psychologie noch als Mutterwissenschaft der Psychotherapie bezeichnet. Einen solchen Bezug stellt das Psychotherapeutengesetz nicht her. Es unterscheidet sogar – ein völliges Novum – Psychotherapiewissenschaft von Psychologie. Während das Gesundheitsministerium in seiner jüngsten Pressemitteilung unbefangen von einem eigenständigen universitären Studienfach Psychotherapie spricht, enthält das Gesetz nur die zurückhaltende Formulierung „die für die Berufszulassung maßgeblichen Bestandteile des Studiums“.

Ein Studium der Psychologie ist demnach nicht Voraussetzung für die Approbation. Das Gesetz würde auch zulassen, die für die Berufszulassung der Psychotherapeuten maßgeblichen Studienanteile in einem Studiengang Pädagogik, Theologie oder Medizin anzusiedeln. Es würde ebenso einen selbständigen Bachelor-/Masterstudiengang Psychotherapie erlauben (ein sogenanntes Direktstudium) – eine wohl willkommene Option vor allem für Fach- und Privathochschulen. Dann gäbe es also approbierte Psychotherapeuten mit und ohne Psychologie-Magistergrad und Psychologie-Magister mit und ohne psychotherapeutische Approbation.

Dass sich dann Approbierte mit Psychologie-Magister eher mit ihren approbierten Berufskollegen anderer Provenienz zusammenschließen als mit ihren nicht approbierten Studienkollegen, ist eine berechtigte Sorge des noch mitgliederstarken Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Wollen Psychologen, die keine Psychotherapeuten sind, nicht ins Hintertreffen geraten, müssten sie ihr eigenes wissenschaftliches und berufliches Profil herausstellen – etwa als Hirnforscher, Erziehungswissenschaftler, Unternehmensberater oder Gerichtsgutachter. Folgerichtig wären dann auf solche Profile zugeschnittene eigene Studiengänge und Abschlüsse. Das Konzept der traditionell polyvalenten, der breitgefächerten und vielseitig anwendbaren Psychologie wäre hinfällig. Der Begriff der Psychologie bliebe nur noch eine Reminiszenz an ein Erfolgsmodell, das, nachdem es in Deutschland über 100.000 berufstätige Absolventen hervorgebracht hat, binnen weniger Jahre zu einem Auslaufmodell geworden ist. In diesem Sinne könnte das neue Psychotherapeutengesetz das Ende der Psychologie als einheitliche Disziplin einläuten.

Der Autor gehört dem Arbeitsbereich Psychologie der Freien Universität Berlin an.

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