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Kosmiker-Tagung in München : Abenteurer des Geistes

Die kosmische Runde (v.l.n.r.): Karl Wolfskehl, Alfred Schuler, Ludwig Klages, Stefan George und Albert Verwey um 1900 in München. Bild: Universitätsverlag Winter

In Sehnsucht leben: Eine Münchner Tagung erörtert die literarisch-spiritistischen Kosmiker um Alfred Schuler und Ludwig Klages als Phänomen der Mode einer Zeit, die sich selbst bekämpfte.

          Mehrere Tagungsteilnehmer hatten am Ende doch noch abgesagt. Vor allem junge Stefan-George-Forscher waren von der kürzlich wieder aufgeflammten Debatte um die moralpolitische Einschätzung ihres Forschungsgegenstands anscheinend so eingeschüchtert worden, dass sie von einer Teilnahme an einer wissenschaftlichen Tagung über die Kosmiker, zu denen auch George zeitweilig gehörte, Kompromittierung befürchteten. Kay Wolfinger, ein junger Münchner Germanist mit vielseitigen Interessen auch über den rein akademischen Kreis hinaus, hatte die Tagung mit Hilfe der Fritz-Thyssen-Stiftung organisiert und musste also kurzfristig umdisponieren. Aber die Runde, die sich dann zwei Tage lang – so wie in Thomas Manns 1904 erschienener Kosmiker-Persiflage „Beim Propheten“ beschrieben – „ganz oben unterm Dach“, hier des Lehrturms an der Ludwig-Maximilians-Universität, traf, war durchaus ansehnlich. Und dazu streitlustig. Gleich nach dem ersten Vortrag ging es los.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Berliner Literatursoziologe Richard Faber, ein Schüler von Jacob Taubes, hatte im kulturkritischen, von Nietzsche und insbesondere Johann Jakob Bachofen geprägten Antimodernismus der neureligiösen Intellektuellengruppe eine Nähe – „ein Wetterleuchten, noch kein Blitz“ – zum Präfaschismus festgestellt. Der „im Qualm des Oktoberfestes“ entstandene „kosmische Blut-und-Boden-Kult“ mit seiner heidnisch-okkultistischen Sehnsucht nach einer Wiedererweckung von alter Form in sakral eingerichteten Räumen habe die Grundlage für den Siegeszug von extremistischem Irrationalismus und nationalsozialistischem Blutmythos gelegt. Am überzeugten Antisemitismus von Alfred Schuler und Ludwig Klages, also den beiden Führergestalten des zwischen 1899 und 1904 existierenden Zirkels, gebe es keinen Zweifel.

          Zeremonienmeister einer vorvergangenen Zeit: Alfred Schuler (stehend) und Ludwig Klages um 1900

          An dessen spezifischer Entwicklung schon, erwiderte Heinz-Peter Preußer aus Bielefeld, es sei nämlich etwa bei Klages die Frage, ob dessen Aversion gegen das Judentum nicht zuerst aus religionsphilosophischer Ablehnung gegenüber dem Monotheismus entstand und dann mit strategischem Kalkül in die rassenpolitische Sphäre transferiert wurde, weil Klages sich 1933 bei der neuen politischen Führung beliebt machen wollte. Klages, der sehr daran litt, neben Heidegger als Philosoph nicht richtig zur Geltung zu kommen, gab 1940 eine Schuler-Ausgabe mit einem siebzigseitigen Vorwort heraus, in dem er keinen Zweifel an seinem paranoiden Judenhass ließ, der übrigens auch später, im Angesicht des Holocaust, nicht verstummte.

          Das bleibendste Vermächtnis

          Bis heute weigert sich die Ludwig-Klages-Gesellschaft dem Vernehmen nach, das Vorwort in ihre Neuedition aufzunehmen. Dabei ist die unheilvolle Facette dieses seltsam polyamorphen Geistes, der sowohl die deutsche Graphologie begründete und das literaturgeschichtlich bislang nicht untersuchte Vorbild für Dr. Meingast in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ war als auch Gedichte schrieb und psychopathische Seancen abhielt, lange schon nicht mehr zu verheimlichen. Genauso wenig wie der Umstand, dass die Suggestionskraft der Bundesidee, spezifischer die geheimnisvolle Vergesellschaftungsform einer heidnischen Kultgemeinschaft, die Bedeutung der literarischen Produktion der Kosmiker heute weit überstrahlt.

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