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Kosmiker-Tagung in München : Abenteurer des Geistes

Die satirischen Gegner

Zum Abschluss des ersten Abends war der junge Münchner Lyriker Tristan Marquardt eingeladen, der sich nicht davor scheute, in George einen noch immer wichtigen Bezugspunkt für sein lyrisches Schreiben mit Blick auf Klang, Rhythmus, Melodie und „Sound“ zu erkennen. Dementgegen sei die Suggestivkraft einer führerzentrierten Jüngergruppe heute völlig verschwunden, postmoderne George-Nachfolger wie der Allzweck-Intellektuelle Alexander Kluge befänden sich dauernd in fluiden Konstellationen, würden ein Netzwerk spinnen, aber keinen Kreis bilden. Poesie sei ein wichtiges Erkenntnismittel, sagte Marquardt noch und: „Es wäre dramatisch, auf Pathos zu verzichten.“ Dann las er schnell und nur mit hin und wieder scheu aufschauendem Blick aus seinen eigenen Gedichten vor. „Schwebt ein Aber über allen“ lautete hier eine vielsagende, ganz und gar unkosmisch klingende Zeile.

Mehrere Vorträge beleuchteten noch Personen aus dem kosmischen Umfeld: Nastasja S. Dresler stellte das Werk des Münsteraner Buchkünstlers Melchior Lechter vor, Kay Wolfinger wandte sich dem Dichter Ludwig Derleth („Der fränkische Koran“) zu. Einen außergewöhnlichen Fund aus dem Marbacher George-Nachlass präsentierte Jan Stottmeister: die Kundenzeitschrift einer „geheimwissenschaftlichen Centralbuchhandlung“ in München, die Einsicht in den weitverzweigten Esoterik-Buchmarkt um 1900 gewährt. Angezeigt werden hier Bücher zu Magie, Astrologie, Homöopathie und Yoga und dazwischen als einziges Beispiel poetischer Literatur auch Georges „Teppich des Lebens“. Der „Meister“ hatte wohl einen Kommissions-Vertrag mit der Buchhandlung abgeschlossen, weil er vermutete, dass seine Dichtung im Esoterik-Milieu auf besonderes Interesse stoßen könnte.

In der Abschlussdiskussion legte man als weitere Forschungsziele fest, die Kosmiker in einen internationalen Zusammenhang zu rücken, etwa mit dem französischen „mouvement cosmique“ zu vergleichen und vor allem auch ihre satirischen Gegner vom „Schwabinger Beobachter“ rund um Franz Hessel und Fanny Gräfin zu Reventlow in den Blick zu nehmen. Dass man sich im akademischen Milieu mit den ironischen Aufklärern der kosmischen Abenteuerlichkeiten besser versteht als mit den emphatischen Spiritisten, ist kein Wunder. Und doch wirkte es etwas enttäuschend bescheiden, wenn man sich in den Kaffeepausen immer wieder gegenseitig versicherte, die Kosmiker seien einfach „zu humorlos“ gewesen. Denn genau darum geht es ja: dass hier eine Gruppe zusammenfand, die sich ernsthaft im wilden Denken versuchte und der „instrumentellen Vernunft“ mit einer überbordenden Faszination für das Geheime entgegentrat. Nicht ihre Humorlosigkeit, sondern den Verrat ihrer überweltlichen Kategorien an die rassenpolitische Ideologie muss man den Kosmikern zum Vorwurf machen. Wer mit dem Universum eins werden will, darf nicht auf blutigem Boden wandeln wollen.

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