https://www.faz.net/-gqz-9ei2f

Kosmiker-Tagung in München : Abenteurer des Geistes

Interessant ist die Gruppe für die Forschung vor allem deshalb, weil sie sich selbst zur Modeerscheinung einer Zeit stilisierte, die sie eigentlich bekämpfte. Die verhasste Moderne gab ihr von der sie karikierenden Satirezeitschrift bis zu den bewusstseinsverändernden Drogen alle Mittel an die Hand, um Ausdruck und Wirkung zu erlangen. Auch deshalb standen bei den Kosmikern das okkulte Ritual und die mystische Erfahrung im Zentrum, waren Experimente mit Hypnose und Fernbewegung zentraler Bestandteil ihres lebenskünstlerischen Selbstverständnisses.

Stefan George ging die esoterische Liturgie der „Salonheiden“, die mit Maskenzügen und allerlei handgreiflichen Zaubertaten Emanationen einer älteren Seelensubstanz, sogenannte „Blutleuchten“, heraufbeschwören wollten, zunehmend auf den Geist. „Vom Kosmischen zum Komischen ist es oft nur ein Schritt“, so Fabers bissige Pointe. 1904 trennte sich George – wohl nicht zuletzt wegen des wütenden Antisemitismus von Schuler – im sogenannten „Schwabinger Krach“ von den Kosmikern, die schon immer mehr lose Koalition als fest geschlossene Gruppe gewesen waren, um seinen eigenen, streng auf Dichtung und Geschichtsdeutung konzentrierten Kreis zu gründen. Während die Kosmiker ihren mythischen Trieb praktisch auslebten, sublimierte George ihn zur Kunst, so die These Preußers, der zur Verdeutlichung auswendig jene vier Schlusszeilen aus Georges Gedicht „Im windes-weben“ aufsagte, die Adorno zu dem „Unwiderstehlichsten zählte, was jemals der deutschen Lyrik beschieden war“: „Nun muss ich gar / Um dein aug und haar / Alle tage / In sehnen leben“.

Ludwig Klages im Garten des Conrad Ferdinand Meyer Hauses um 1920

Im prosopographischen Zentrum der Tagung stand dann neben Klages und dem von Rilke bis Hitler bewunderten, Archaik und Utopie gefährlich mischenden Mysteriosophen Schuler vor allem der Darmstädter Germanist und Dichter Karl Wolfskehl, der nach allgemeiner Ansicht der Tagungsteilnehmer das bleibendste Vermächtnis hinterlassen hat. Drei Vorträge widmeten sich diesem 1938 nach Neuseeland ausgewanderten „jüdischen Deutschrömer“, der nicht nur dramatische Dichtung schrieb, sondern, so der Mailänder Germanist Marco Castellari, etwa auch als „geheimer Motor der Hölderlin-Renaissance um 1900“ zu gelten hat. Wolfskehl, der Hölderlin in seiner Gießener Studienzeit entdeckte und dabei gleich die Bedeutung von dessen später Dichtung wie auch der Übersetzungen erkannte, stellte ihn George schon 1894 als „artverwandten Meister“ vor und stieß mit großer Leidenschaft Hölderlin-Promotionen und Editionen an. Noch Walter Benjamin, der Wolfskehl als „großen Bücherkundigen“ und „weltgeschichtliches Refugium“ bewunderte, entwarf seine mystische Sprachauffassung und „Aura“-Theorie ganz im kosmischen Geist, wie Jonas Meurer in einem Vortrag darlegte, der die beiden Universalgelehrten hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten als assimilierte und exilierte Juden mit feuilletonistischer Begabung und theoretisch reflektierter Übersetzungstätigkeit untersuchte.

Weitere Themen

Soll Geschichte ausgelöscht werden?

George-Washington-Fresko : Soll Geschichte ausgelöscht werden?

Als Victor Arnautoff 1936 dreizehn Fresken über das Leben George Washingtons für eine High School schuf, illustrierte er auch die Schattenseiten des amerikanischen Säulenheiligen. Darüber ist nun ein erbitterter Streit entbrannt.

Wie man Videospiel-Entwickler wird

Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wie man Videospiel-Entwickler wird

Schauspieler und Regisseure sind über ihre Branche hinaus berühmt. Die Köpfe hinter Videospielen sind oft nur wenigen bekannt. Das ändert sich gerade. Aber wie fängt man eigentlich in der Games-Branche an? Wir haben uns umgehört.

Topmeldungen

Wegen Amazonas-Bränden : Europa droht Bolsonaro mit Blockade

Der Streit mit Brasilien um die Waldbrände eskaliert: Finnland prüft ein Einfuhrverbot für brasilianisches Rindfleisch in die EU. Irland und Frankreich drohen, ein Handelsabkommen zu blockieren. Politiker aus Europa schießen gegen Präsident Bolsonaro.
Empfindet Schäubles Äußerungen als „wohltuend“: der frühere Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen

Streit über Maaßen : Nach der Attacke ist vor der Attacke

Mit einer gezielt gesetzten Äußerung heizt Wolfgang Schäuble den Streit um einen möglichen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen weiter an. Wieso macht er das?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.