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Wissenschaftliche Konferenzen : Monolog und Melancholie

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Vortrag des Komponisten und Ästhetikprofessors Heiner Goebbels am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen Bild: Wonge Bergmann

Wissenschaftliche Konferenzen sind zu müden Massenveranstaltungen geworden, bei denen ein monotoner Vortrag auf den anderen folgt. Das darf nicht so bleiben. Vorschläge zu einer Reform.

          Unter dem vielversprechenden Titel „Das ist Ästhetik!“ fand vor einiger Zeit der zehnte Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung statt. Dort hielt der Verfasser am letzten Kongresstag einen Vortrag zur Funktion von Künstlertheorien in der Moderne. Ermüdet von einem tagelangen Vortragsmarathon, dessen monologische Monotonie im Kontrast zu manch inhaltlich anregendem Referat stand, entschied er sich dafür, von der üblichen Form abzuweichen und frei über das Thema zu improvisieren. Die rigide durchgetaktete Aufeinanderfolge von Vorträgen in einem knappen Zeitrahmen war nämlich nicht nur freudlos, sondern auch unproduktiv gewesen. Da dieses Format heute für viele geisteswissenschaftliche Konferenzen typisch ist, liegt es nahe, die Form der akademischen Sonderveranstaltungen selbst ästhetisch zu betrachten.

          Bei kleineren Veranstaltungen wie festlichen Anlässen mag die einförmige Vortragsabfolge noch erträglich und manchmal auch angemessen sein. Bei den nach maximaler Größe strebenden Sonderveranstaltungen ist sie dagegen ein Übel. Den Zuhörern wird meist nicht mehr als das zügige Verlesen von ausformulierten Aufsätzen geboten. Dabei kann nicht einmal mitgelesen werden. Das macht es kaum möglich, komplexe Gedankengänge nachzuvollziehen. Entsprechend kommen aus dem Publikum bestenfalls alibihafte Verständnisfragen oder beliebige persönliche Assoziationen. Den Beteiligten bleibt nicht viel mehr als der olympische Gedanke: „Dabeisein ist alles“.

          Dominanz der Masse

          Viele enttäuscht das nicht einmal. Sie nehmen solche Veranstaltungen ohnehin nur als eine Art Casting für den akademischen Stellenmarkt wahr. Dafür bietet das monotone Format einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Der akademische Nachwuchs wird gar nicht erst in Versuchung gebracht, sich in Rede und Gegenrede zu exponieren. Natürlich würde man sich die kommende Generation couragierter wünschen. Aber ihr Konformismus ist weniger ihr selbst als der vorhergehenden Generation anzulasten – und den Strukturen, die diese geschaffen hat.

          Die mühsamen Anstrengungen zur qualitativen Verbesserung der Lehrkultur unterbleiben zunehmend, seit die Bildungspolitik nur noch quantifizierbare Einflussfaktoren auf Lehre und Forschung gewichtet. Um sich für Mittelzuweisungen zu empfehlen, herrscht unter Hochschulen und Wissenschaftlern der Ehrgeiz, möglichst viele Aktivitäten vorzuweisen, die zuallererst öffentlichkeitswirksam erscheinen sollen. Erfolg wird bevorzugt an geschickter öffentlicher Inszenierung gemessen.

          Den Vorteil der Anwesenheit nutzen

          Die wuchernden akademischen Sonderveranstaltungen sind deshalb nicht mehr vorrangig auf fachliches und intellektuelles Interesse ausgerichtet. Dafür spricht auch, dass die eingeladenen Referenten zumeist direkt vor ihrem Beitrag an- und möglichst bald danach wieder abreisen. Offenbar bieten die eintönigen Formate keinen Anreiz zu Diskussionen und Kontroversen. So bleibt die fachlich und menschlich inspirierende Erfahrung des argumentativen Austausches auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs vorenthalten. Dabei sind solche Impulse gerade für ihn unverzichtbar.

          Ist also der Aufwand für derart monotone Formate überhaupt gerechtfertigt? Ist es angesichts der ritualhaften Präsentation zumeist druckfertiger oder schon veröffentlichter Texte vertretbar, dass Zeit verschwendet und begrenzte globale Ressourcen strapaziert werden? In Zeiten, da es möglich ist, Distanzen medial zu überwinden, sollte mit der leibhaftigen Anwesenheit vor Ort tatsächlich sparsam umgegangen werden. Das Internet mag die geteilten Lektüreerfahrungen zwar verringern, gerade darin liegt aber der Vorteil einer Präsenzveranstaltung. Er muss genutzt werden.

          Die Anwesenheit Hunderter von Teilnehmern hätte erst dann wieder Sinn, wenn das Ablesen von Textvorlagen wieder die Ausnahme wäre. Dazu hätten die Sitzungen auf der Grundlage vorheriger Lektüre der Skripte und/oder deren mündlicher thesenhafter Zusammenfassungen stattzufinden. Durch den Einsatz digitaler Technik könnte das mit wenig Aufwand erreicht werden. Die Sitzungen könnten dann direkt zur Diskussion der Thesen genutzt werden. Ein unmittelbarer, aber durchaus moderierter Austausch würde es den Beteiligten ermöglichen, ihre fachlichen Interessen zu artikulieren. Das würde nicht nur die Attraktivität solcher Tagungen erhöhen, sondern auch ihre öffentliche Wirkung.

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