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Michel Foucaults Vortrag : „Was ist ein Autor?“

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Auch die Kanonisierung ist eine Funktion des Autors: Vitrine aus einer Ausstellung zum hundertsten Geburtstag des Verlags Gallimard auf der Frankfurter Buchmesse 2011. Bild: Wonge Bergmann

Erst durch die Entkoppelung vom romantischen Ideal der Individualität wurde ein Begriff vom Schöpfer eines Textes möglich. Die Theoriefähigkeit des Autors lässt sich datieren – und einem Autor zuschreiben.

          Soeben hatte man ihn zu Grabe getragen. Schließlich war es erst zwei Jahre her, dass kein Geringerer als Roland Barthes in einem berühmten Aufsatz den Tod des Autors ausgerufen hatte. Kaum weniger prominent aber wurde Michel Foucaults fulminanter Wiederbelebungsversuch, den er vor genau fünfzig Jahren, am 22. Februar 1969, in einem Vortrag vor der „Société française de philosophie“ in Angriff nahm.

          Von Anfang an macht Foucault keinen Hehl daraus, dass ihm an einer theoretischen Rehabilitierung des Autors gelegen ist. Seinen grundsätzlichen Anspruch kündigt schon der durchaus ambitionierte Titel des Vortrags an: „Was ist ein Autor?“ Es scheint ihn also – noch immer oder wieder – zu geben. Foucaults Überlegungen beziehen Position im Spannungsfeld der widerstreitenden Standpunkte, welche die Rede über den Autor in der Moderne gleichermaßen kennzeichnen wie die Diskussion um das Subjekt. Und weil der Autor aus gutem Grund als ein Abkömmling dieses Subjekts gelten kann, wird diese Gemeinsamkeit kaum überraschen.

          Zum Dreh- und Angelpunkt aller Welterkenntnis, ja Wirklichkeitskonstitution ist das Subjekt erhoben worden, und ebenso hat man es zu einem bloßen Produkt narzisstischer Illusionen und damit für substantiell belanglos für allen Zugriff auf die Welt erklärt. Nicht anders ist es dem Autor ergangen. Als der alles bestimmende Urheber seines Werkes ist er begriffen worden, und mit gleicher Überzeugungskraft hat man ihm sein Ableben aufgrund von Nutzlosigkeit bescheinigt.

          Was macht einen Text zu einem Werk?

          Dieses Nebeneinander gegensätzlicher Positionen ist keineswegs nur für das Subjekt und seine literarischen Verwandten charakteristisch. Eine entsprechende Coincidentia oppositorum scheint vielmehr generell das theoretische Profil der Moderne zu kennzeichnen. Nicht anders steht es etwa um die Kunst. Als ihre epochemachende Signatur gilt gemeinhin das Prinzip der Autonomie. Doch vergisst man darüber zu leicht, dass dieselbe Moderne für die Kunst ein Konzept der Widerspiegelung entworfen hat, gemessen an dem sich selbst die aristotelische Mimesisästhetik wie ein Fest künstlerischer Freiheit ausnimmt.

          Philosoph und Autor: Michel Foucault

          Ausdrücklich geht Foucault von der Feststellung eines verbreiteten Desinteresses an der Instanz des Autors aus. Um diese Indifferenz kritisch ins Auge zu fassen, unternimmt er eine wesentliche Revision überkommener Ansätze. Im Grunde verwandelt erst Foucault den Autor in eine theoretische Größe. Er formuliert Hinsichten, die ihn zum Gegenstand einer vielfältigen Reflexion werden lassen. Vor allem entzieht er den Autor jener Kategorie der Individualität, die ihn ebenso widerständig gegen alle Theoretisierung wie attraktiv für die romantische Poetik machte. Denn im originellen Schöpfer entdeckte sie den idealen, ja eigentlichen Ursprung aller wahren Kunst. Einen entsprechenden Wandel hatte die Literaturwissenschaft selbst schon vollzogen, als sie an die Stelle eines narrativ verfahrenden Biographismus eine theoretisch orientierte, in der Psychoanalyse gründende Literaturpsychologie setzte.

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