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Michel Foucaults Vortrag : „Was ist ein Autor?“

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Foucaults Hinsichten, die den Autor theorietauglich machen sollen, aber sind von anderer Art. Denn als ihren theoretischen Kern wird man die Abkehr von der überkommenen genetischen Perspektive für die Beziehung eines Autors zu seinem Werk betrachten können. Sie löst sich nun in Fragen wie die folgenden auf: Was macht einen Text zu einem Werk (und schafft erst dadurch dessen Autor)? Inwiefern ist der Autor ein Produkt der Zuschreibung des Werks an seine Person? Und welche Rolle nimmt er selbst in seinem Text ein? Derlei Gesichtspunkte tragen unverkennbar die Spuren der soeben erfolgten Liquidierung des Autors, doch gerade in dieser Radikalität der Abkehr von allen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten schaffen sie zugleich die Voraussetzungen für eine – theoretische – Neubegründung.

Dabei integriert Foucault auch den Tod des Autors in seine Konzeption. Nicht mehr dessen Abschaffung als maßgeblicher Instanz der Deutung von Literatur steht auf dem Programm. Foucault holt den Tod vielmehr in den Prozess des Schreibens selbst hinein: als Effekt physischer Erschöpfung wie als eine Auslöschung der eigenen Persönlichkeit in der Erschaffung anderer Charaktere. Es ist die für Foucault so typische Verwischung der Grenze zwischen Wörtlichkeit und Metaphorik, die hier zum Tragen kommt.

Der kluge Weg

Sie trägt zweifellos beträchtlich zur Suggestivkraft seiner Arbeiten bei. Gleichwohl verspricht, bei Licht besehen, eine solche Dramatisierung im Medium sprachlicher Bilder weit mehr Erklärung, als sie tatsächlich zu bieten vermag. Diese Tendenz zur anthropologischen Metaphorisierung theoretischer Sachverhalte wie Begriffe setzt ein Erbe fort, das nicht zuletzt auf die Phänomenologie wie den Existentialismus zurückgeht – aller kritischen Distanz Foucaults gegenüber diesen Traditionen des Denkens zum Trotz. Mit diesem Mittel rhetorischer Relevanzsteigerung bleibt er ihnen verhaftet.

Foucaults überzeugendstes Argument für die Blindstellen eines Verzichts auf den Autor gewinnt er durch den Nachweis, dass an dessen Stelle vielfach Instanzen der Rede treten, die bei näherer Betrachtung noch immer den vermeintlich entbehrlichen Autor voraussetzen. Dies gilt zumal für die Kategorie des Werkes, das sich schwerlich, ja nur scheinbar von seinem Urheber ablösen lässt. Doch die Rede über das Werk demonstriert ebenso, wie verfehlt es wäre, eine einsinnige Beziehung zwischen Produzent und Produkt anzunehmen. Denn das Werk besteht nicht einfach aus dem, was ein schreibendes Ich zu Papier gebracht (oder in welcher medialen Form auch immer hervorgebracht) hat. Jeder Editor einer „Gesamtausgabe“ weiß ein Lied davon zu singen, welche Schwierigkeiten eine Entscheidung über die Zugehörigkeit eines Textes zum Werk eines Autors bereitet.

Der kluge Weg, den Foucault beschreitet, um zwischen den Unmöglichkeiten eines gänzlichen Verzichts auf den Autor und der bloßen Fortschreibung tradierter Vorstellungen von ihm zu navigieren, besteht in der Beobachtung des Begriffsgebrauchs. Auf diese Weise gelangt er zur Unterscheidung verschiedener Funktionen, in denen sich fassen lässt, was die Rede über den Autor besagt. So dient die Verwendung von Autorennamen der Aufwertung von Texten, deren Rang durch eine solche Zuordnung gesteigert wird. Der Umgang mit dem Autor verrät den epistemischen Status von Texten. So kennt die Vormoderne eine beträchtliche Menge an anonymer Dichtung. In der Moderne scheint der poetische Text stattdessen unweigerlich nach seinem Autor zu verlangen, während in derselben Epoche für wissenschaftliche Rede der Belang ihres Urhebers deutlich abnimmt. In ihrem Fall hat nicht mehr der Autor (und sein – guter – Name) für die Geltung des Gesagten zu bürgen, sondern der Umgang mit den Regeln des Diskurses befindet über Akzeptanz oder Verwerfung.

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