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Positivismusstreit : Ein Quexit in der Soziologie?

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Messender und deutender Geist, brüderlich vereint: die Statuen von Alexander und Wilhelm von Humboldt vor der Humboldt-Bilbiothek in Berlin Bild: dpa

Ein neuer Positivismusstreit spaltet die Soziologie. Deuten steht gegen Messen. Der Konsens über Methodenvielfalt scheint aufgebrochen.

          Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) hat heute rund dreitausend Mitglieder, deren fachliche Interessen sich in 35 Sektionen organisieren. 870 Vorträge bot der jüngste Soziologentag in Göttingen. Wie üblich versprach das Motto der Tagung „Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen“ alles und nichts. Nach außen erscheint das Fach damit ebenso vielfältig und bunt wie die von ihm erforschte Gesellschaft selbst. Dennoch wird die deutsche Soziologie derzeit von einem Streit zerrissen, der sie zu spalten droht.

          Natürlich gab es schon immer Auseinandersetzungen zwischen den verschieden sozialwissenschaftlichen Richtungen, insbesondere zwischen den Vertretern der qualitativ-hermeneutischen Ansätze und jenen der quantitativ-metrifizierenden Verfahren. Aber bedrohten ungleich verteilte Karrierechancen und ungleicher Zugriff auf Forschungsgelder sowie die theoretischen und methodischen Differenzen der soziologischen Schulen die Einheit des Faches? Nein, weil seit dem Positivismusstreit der sechziger Jahre auch keine dieser Richtungen mehr einen Alleinvertretungsanspruch für das Fach angemeldet hat.

          Buntheit soziologischer Ansätze

          Der institutionelle Burgfriede der deutschen Soziologie beruhte immer auf dem Konsens, die Vielfalt der unterschiedlichen Ansätze als eine horizontale aufzufassen, nicht jedoch als Hierarchie von wissenschaftlichen und weniger wissenschaftlichen Zugängen zur Gesellschaft. Also Toleranz von Diversität statt Anhäufung von Wissen über die Lager hinweg. Aber hat die polyzentrische Kultur der modernen Gesellschaft denn je mehr verlangt als eben diese Normalform eines projektförmigen Wissenschaftsbetriebs?

          Der Konstanzer Soziologie Thomas Hinz will mehr bieten. Er spricht sogar von einem neuen Verhängnis, das die Soziologie bedrohe. Damit meint er den „Irrtum“, dass die „Buntheit soziologischer Ansätze“ in der DGS dem Erkenntnisfortschritt noch diene. Nein, so Hinz, Vielfalt werde zum Problem, wenn Ansätze um ihrer selbst willen und ohne Bezug zu den Befunden anderer Methoden und Theorien vor sich hin forschten. Vielfalt führe so zu Beliebigkeit und Profilverlust, und am Ende sei nicht mehr erkennbar, was die Soziologie zur Diskussion in Politik und Gesellschaft aufgrund belastbarer Forschung aussagen könne.

          Um diesem verhängnisvollen Ende zuvorzukommen, hat Hinz gemeinsam mit anderen Vertretern der empirisch-quantitativen Richtung seines Faches im vergangenen Jahr die „Akademie für Soziologie“ (AS) gegründet. Seitdem verfolgen ihre Mitglieder einen Kurs der Profilierung gegen die DGS, und diese wiederum gegen die AS. Nicht erst seit dem Göttinger Soziologentag geht es um eine drohende Spaltung der deutschen Soziologie.

          Qualitativ oder quantitativ: Wer repräsentiert die Soziologie?

          Zumindest auf der institutionellen Ebene sind die Voraussetzungen dafür inzwischen gegeben, schließlich hat die AS erfolgreich die bisherige Alleinstellung der DGS im Fachkollegium Sozialwissenschaften der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beendet. Die DFG nämlich hat die AS trotz des Protests der DGS als weitere Fachgesellschaft für den Fachbereich Empirische Sozialforschung anerkannt – neben der DGS. Damit ist jetzt auch die AS berechtigt, Vorschläge für die kommenden Wahlen der Mitglieder des Fachkollegiums zu machen.

          Auch wenn die AS bisher nur rund zweihundert Mitglieder hat: In den Fachkollegien geht es um die Verteilung von viel Geld, und nicht nur deshalb hat sich die Tonlage in diesem Streit verschärft. Zwar fand der Vorschlag eines Unvereinbarkeitsbeschlusses einer AS-Mitgliedschaft mit einem Amt in der DGS in Göttingen keine Mehrheit, doch auch so stehen die Zeichen auf Konfrontation, auch wenn einzelne AS-Mitglieder angesichts dieser Verschärfung der Auseinandersetzung inzwischen eher verzagt klingen: Das sei alles ganz bedauerlich und so nie beabsichtigt gewesen. Und aus der DFG heißt es kühl, es wäre doch gar nicht ungewöhnlich, dass es in den einzelnen Fachkollegien der DFG mehrere vorschlagsberechtigte Fachgesellschaften gebe. Häufig stimmten diese ihre Wahllisten sogar gemeinsam ab. Warum, so die Frage eines DFG-Senatsmitglieds, sollte das den Soziologen nicht genauso gut gelingen?

          Das wird sicher davon abhängen, wie grundsätzlich man jetzt streitet. Oder wie polemisch. Stefan Hirschauer jedenfalls, Inhaber einer Professur für Soziologische Theorie und Gender Studies in Mainz, hat in seiner Kritik an der AS den Weg der maximalen Polemik eingeschlagen. In einer Replik auf einen Beitrag von Hartmut Esser (Universität Mannheim) in der „Zeitschrift für Theoretische Soziologie“ nennt Hirschauer diesen den Spiritus Rector hinter der Gründung der AS. Die von Esser und der AS exemplarisch verkörperte individualistisch-quantifizierende Soziologie habe sich laut Hirschauer so sehr an den Rand des Faches manövriert, dass sie nun auch ihren organisatorischen Rückzug angetreten habe – den Quexit. Für die „Mannheimer“ findet Hirschauer nur noch Worte des Mitleids: „mannhaftes Objektivitätsethos“ kumuliere in genderisierten Dominanzgesten, und ihre Idealisierung der Wirtschaftswissenschaften als natürlichem Kooperationspartner diene nur der Selbstpositionierung dieser Soziologie in einer „Verachtungskaskade“ gegenüber den angeblich so unwissenschaftlichen qualitativen Kollegen.

          Messbarkeitsfetisch gegen Professionalitätsdefizit

          Darum kritisiert Hirschauer vor allem die Namensgebung und das öffentliche Auftreten der AS. Geradezu unverschämt sei deren Anmaßung, der großen Mehrheit der Soziologen implizit Wissenschaftlichkeit und Professionalität abzusprechen und damit den soziologischen Gesellschaftsvertrag aufzukündigen, der darin bestehe, dass man eigene Kompetenzgrenzen kennt und fremde Kompetenzen respektiere. Man behaupte, die Gründung der AS sei eine Reaktion auf die allgemeine Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft, reklamiere deren Behebung aber für sich allein und biedere sich dabei den datenhungrigen Akteuren in Politik und Wirtschaft an.

          Die epistemologische und theoretische Grundhaltung der AS reiche fraglos für effiziente und nützliche Sozialforschung, meint Hirschauer, aber eine professionelle Distanz zur Gesellschaft insgesamt lasse sich in ihrem selbstgewissen Milieu nicht mehr erreichen. Dennoch sei der Auszug der AS aus der DGS bedauerlich. Denn es stünde ganz außer Frage, dass die sorgfältige Tatsachenkonstruktion der quantitativen Sozialforschung in mancher gesellschaftlichen Debatte zur Versachlichung beitrage. Doch man solle doch bitte nicht das Messbare der Gesellschaft immer noch mit dieser selbst verwechseln.

          Thomas Hinz, Professor für Soziologie an der Universität Konstanz und aktueller Vorstandsvorsitzender der AS, hält Hirschauers Vorwurf eines Alleinvertretungsanspruches der AS für absurd und hofft, dass Hirschauers „wenig hilfreiche Verunglimpfung“ der AS einer zukünftigen Zusammenarbeit mit der DGS nicht im Wege stehen werde. Die Gründung der AS sei überfällig gewesen und habe durch die von ihr angestoßene Diskussion über Professionalisierungsdefizite in der deutschen Soziologie schon jetzt ihre Bestätigung erfahren. Die AS habe sich auch ganz offen in Göttingen am Rande des Soziologentages getroffen, von Tendenzen der Abspaltung könne also gar nicht die Rede sein. Es sei doch eher irritierend, wenn die DGS jetzt an die Kandidaten für die kommenden Wahlen zu ihrem Konzil einen Fragebogen verschickt, worin diese ihren „Standpunkt“ zur AS erklären sollen.

          Statistik oder Essay – eine unversöhnliche Alternative?

          Die DGS will diese Informationen anschließend veröffentlichen, um ihren Mitgliedern „deren Wahlentscheidung zu erleichtern“, teilt die Geschäftsstelle der DGS-Vorsitzenden Nicole Burzan mit. Beschlossen übrigens von den Mitgliedern des aktuellen Konzils der DGS. Sollte diese Form einer öffentlichen Gesinnungsabfrage also nur der Sicherung der eigenen Pfründe dienen?

          Man muss die Soziologen vielleicht einmal daran erinnern, dass diese Pfründe sowieso nicht die ihrigen sind, sondern größtenteils öffentlichen Mitteln entstammen. Die Gesellschaft darf von den sie Erforschenden einen verantwortungsbewussten Umgang mit diesen erwarten. Benötigt wird beides: die entscheidungsleitenden Daten der quantitativen Surveys wie die dichten Beschreibungen der zeitdiagnostischen Soziologie. Wir brauchen unbestreitbare sozialwissenschaftliche Statistik, aber auch streitbare gesellschaftstheoretische Essays, deren Inspirationen durch den Einspruch nachprüfbarer Wissensbestände einem akademischen Formzwang ausgesetzt wurden, der das Ergebnis auch für den Laien unterscheidbar machen sollte von Journalismus, von Literatur und besonders von politischer Programmatik.

          Wie viel und welche Institutionen dieser Erwartung am Ende dienlich sind, müssen die Soziologen selbst herausfinden. Mit einem endlosen Streit um die einzig richtige Soziologie ist dagegen keinem gedient.

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