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Interdisziplinarität : Methoden 1, 33615 Bielefeld

Konferenz mit Norbert Elias (dritter von links) am ZiF Bild: Universitätsarchiv Bielefeld

Aus dieser Idee entstand eine ganze Universität: Das „Zentrum für interdisziplinäre Forschung“, ein Pionier der grenzüberschreitenden Wissenschaft, wird fünfzig Jahre alt.

          Ein historisches Bahnhofsgebäude, zwei frei stehende Außenbahnsteige, das Ortsschild lässt sich nicht lesen, zu schnell fliegt der ICE vorbei. Aber das muss es, dreißig Kilometer vor Bielefeld, gewesen sein: Rheda-Wiedenbrück. Ein Doppelstädtchen, fünfzigtausend Einwohner, zwangsfusioniert 1970, von der Autobahn A 2 geteilt, unten katholisch, oben eher evangelisch, unten das Hallen-, oben das Freibad, jede Hälfte hat ein Gymnasium. Und ein Schloss gibt es, aber nur oben, auch, von Kapellen- und Wohnturm flankiert, „Wasserburg auf mächtiger Hochmotte, größte Anlage dieser Art in Westfalen“, vermerkt der Dehio, „von Läufen der Ems umflutet“. Die Gründung wird in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts vermutet.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          In diesen ehrwürdigen Mauern hat alles begonnen. Nur weiß das heute fast niemand mehr. Nicht einmal Wikipedia. Kaum zu glauben. Und allemal zum Staunen. Ein Anfang, an den erst einmal erinnert werden muss. Heute wirbt das fürstliche Residenzschloss als „eine der schönsten Hochzeitlocations in Deutschland“ für sich, doch hat es, „romantisch gelegen“, schon einmal eine Hochzeit, diesmal mit langem „o“, erlebt, der das Attribut „historisch“ gebührt. Im unruhigen Jahr 1968 kamen hier, wo schon damals kein Schnellzug hielt, namhafte Wissenschaftler zusammen: Auf Schloss Rheda rief der Soziologe Helmut Schelsky das Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) und damit, von der nordrhein-westfälischen Landesregierung engagiert, die Universität Bielefeld ins Leben. Genau fünfzig Jahre ist es her.

          Vorbilder im Westen

          Unter den großen Hochschulgründungen der sechziger Jahre war das eine absolute Ausnahme: dass ein kleines interdisziplinäres Institut, mithin das dezidierte Gegenteil der Massenuniversität, die Keimzelle bildet, aus der diese erwächst und ihr besonderes Profil, ja ihre Exzellenz bezieht. Schelsky, zu dessen Lebenswerk, wie Hermann Lübbe in einem Vortrag würdigte, „bekanntlich seine ephemere Tätigkeit als Planer der Universität Bielefeld“ gehörte, hatte 1965 auf die Bitte von NRW-Kultusminister Paul Mikat hin, sich als Vorstand des Gründungsausschusses zu Verfügung zu stellen, seine Bereitschaft an Bedingungen geknüpft: So bestand er darauf, dass er die Mitglieder des Gremiums selbst nominieren darf und dass der Gründungsplan nicht Schritt für Schritt entwickelt, sondern der bereits fertige Entwurf zur Grundlage der Arbeit gemacht wird. Auch Lübbe war an dem Verfahren beteiligt: Als Professor für Philosophie an der 1962 gegründeten Ruhr-Universität in Bochum war er von 1966 bis 1969 gleichzeitig Staatssekretär im Kultusministerium, ehe er im gleichen Jahr auf den Lehrstuhl für Sozialphilosophie nach Bielefeld wechselte.

          Die Vorbilder des ZiF, von denen es nur wenige gab, lagen im Westen, und so führte für drei Männer der ersten Stunde 1969 eine Dienstreise nach Amerika: Der Romanist Harald Weinrich, neben Schelsky kommissarischer Direktor, der Stadtsoziologe Hermann Korte und der Architekt Stefan Legge besichtigten das Institute for Advanced Study in Princeton, das, 1930 gegründet, gleichsam das Original darstellt, das Center for the Humanities der Wesleyan University in Middletown/Connecticut und das Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences der Stanford University in Palo Alto. Die hier gesammelten Anregungen flossen in die wissenschaftliche, organisatorische und bauliche Konzeption des ZiF ein.

          Große Namen

          In Rheda hatten meist kleine Tagungen und erste Autorenkolloquien stattgefunden. Am 1. Oktober 1972 bezog das ZiF einen eigenen Campus am Nordosthang des Teutoburger Waldes leicht oberhalb der erst vier Jahre später fertiggestellten Universität, ein Waschbeton-Ensemble im Stil der Zeit, gezähmter Brutalismus aus flachen Quadern, das sich zum Hauptgebäude der Universität wie das Lotsenboot zu einem Ozeanriesen verhält, selbständig und doch mit dem Ganzen verbunden und für dieses richtunggebend. Was das ZiF, oft kopiert, doch nie erreicht, bis heute auszeichnet, ist, so die geschäftsführende Direktorin, die Philosophin Véronique Zanetti, seine dem Geist des Gründungsjahrs zugeschriebene Konstruktion: Nicht einzelne Wissenschaftler, sondern Forschungsgruppen erhalten hier die Gelegenheit, über ein Thema in Austausch zu kommen, es durch die Reibung mit anderen Ansichten, Methoden und Wissenschaftshorizonten zu vertiefen und gemeinsam zu entwickeln. Mehr als dreitausend Wissenschaftler wurde dieses Privileg inzwischen am ZiF, wo sie auch mit der Familie wohnen können, zuteil.

          Wer nennt die Herkunftsländer, zählt die Namen? Reinhard Selten, John Harsanyi und Elinor Ostrom, die 1987/88 zur „Game Theory“ forschten, erhielten später den Nobelpreis; Autorenkolloquien wurden Roman Jakobson, Jürgen Habermas oder Lars Gustafsson gewidmet, und von 1978 bis 1984 war Norbert Elias Fellow am ZiF. „Vielleicht ist es nützlich, wenn ich hinzufüge, dass Prof. Wallerstein und Prof. Foucault ebenfalls an einem Symposion dieser Art interessiert sind“, schrieb Elias am 10. September 1982 in einem Antrag auf Unterstützung an die Stiftung Volkswagenwerk. Foucault sagte zu, doch er kam nicht: Am 25. Juni 1984, dem Tag, an dem die Tagung eröffnet wurde, ist er in Paris gestorben. „Wellenberg 1“ war damals die Adresse des ZiF, seit 2012, als alle Straßen auf dem Campus unbenannt wurden, lautet sie „Methoden 1“.

          Wissen der Zukunft

          Seinen fünfzigsten Geburtstag beging das ZiF mit keinem großen Bahnhof. Nicht im Audimax oder gar in der Rudolf-Oetker-Halle, sondern im nüchternen Plenarsaal wurde gefeiert, einem hellen Hexagon, durch dessen bodentiefe Glasfronten der Indian Summer Bielefeld ganz schön bunt aussehen lässt. Von der Gründergeneration waren der 91 Jahre alte Harald Weinrich und seine damalige Assistentin Elisabeth Gülich anwesend: „Wir haben ab 1969 von Köln aus die 1972 gegründete LiLi-Fakultät aufgebaut, in der Arbeitsstelle Linguistik Bielefeld, die Weinrich ,Alibi‘ taufte“, erinnert sich die Emerita für Romanistik im Gespräch.

          Der Festakt hielt sich nicht lange mit Rückblicken auf, vielmehr wurde, nachdem Björn Wittrock (Uppsala) das ZiF auf der globalen Wissenschaftslandkarte verortet hatte, von Vertretern unterschiedlicher Disziplinen „Zukunftswissen“ angesprochen: So von dem Informatiker Dana Ballard (Austin), der die Frage „Warum braucht das Gehirn einen Körper?“ mit einer modularen Darstellung der Kontrolle von visueller Wahrnehmung und Interaktion erörterte; so von der Physikerin Dagmar Bruß (Düsseldorf), die den Horizont der schnellen Computertechnologie von morgen mit Qubits aufriss, oder dem Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn (Zürich), der neue Wegweiser für die Erkundung fiktiver Räume der Zukunft vorstellte, schließlich im Dialog der Wissenschaftshistoriker Lorraine Daston (Berlin) und Martin Carrier (Bielefeld) über Chancen, Risiken und Grenzen wissenschaftlicher Vorhersagen.

          Auch viele Fotos wurde gezeigt. Nur aus Rheda waren keine dabei. Die Anfänge des ZiF liegen im mythischen Nebel. Dabei hätte die Geburtstagsfeier auch gut ins Schloss gepasst. Aber dann, und das geht gar nicht, wäre dem ZiF die Universität und der Universität das ZiF aus dem Blick geraten.

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