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Mehr Durchfaller beim Abitur : Der Schwächste fliegt

Schriftliches Abitur in Rostock Bild: dpa

Warum sind 2017 mehr Schüler durch die Abiturprüfung gefallen? Vor allem eine Erklärung drängt sich auf. Und es zeigt sich: Bei einer bestimmten Schulform schneiden Abiturienten besonders schlecht ab.

          In den vergangenen neun Jahren haben immer weniger Abiturienten die Abschlussprüfung bestanden, zugleich ist aber die Anzahl der Einser-Abiture gestiegen. Im Jahr 2017 lag die Durchfallerquote beim Abitur in den Bundesländern zwischen 2,1 und 7 Prozent. Im bundesweiten Schnitt haben 3,78 Prozent der Abiturienten nicht bestanden. Das geht aus einer Statistik der Abiturnoten im Ländervergleich der Kultusministerkonferenz hervor. Die Anzahl der Schüler, die das Abitur nicht bestanden haben, ist zwar gestiegen, wenn sie mit den Durchfallerquoten im Jahr 2009 (2,39 Prozent) in Beziehung gesetzt werden, vergleicht man sie hingegen mit früheren Jahren, hat sie abgenommen: Im Jahr 2006 bestanden 4,1 Prozent der Abiturienten nicht, und wird das Jahr 1990 als Vergleichspunkt herangezogen, waren es damals noch viel mehr Durchfaller.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Tatsächlich sei der kurzfristige Anstieg der Durchfallerquote im Jahr 2017 damit zu erklären, dass sich die Länder bei den zentralen Abiturprüfungen die Aufgaben in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch aus dem Pool des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) geholt hätten, die sich an den Standards fürs Abitur orientierten, sagte der Bildungsforscher und Direktor des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel (IPN), Olaf Köller, dieser Zeitung. Tatsächlich haben im Jahr 2017 schon 15 Länder die Mathematikaufgaben für das Abitur aus dem Aufgabenpool entnommen, in Französisch waren es 13. „Man könnte auch sagen, dass die zunehmende Vereinheitlichung der Abituraufgaben in den Kernfächern aufdeckt, dass wir doch größere Zahlen sehr schwacher Abiturienten haben“, sagte Köller. Das gilt insbesondere für die Abiturleistungen der Gesamtschüler. Die Entwicklung zeigt, dass zentrale Standards und Kriterien für die Abiturprüfung die Anforderungen erhöhen.

          Thüringen (2,1 Prozent) hatte 2017 die geringste Durchfallerquote, Mecklenburg-Vorpommern die höchste (7 Prozent). Berlin liegt bei 6 Prozent (und lag schon 2009 bei 5,8 Prozent), Bremen bei 5,8 und Hamburg bei 5,2 Prozent. Niedersachsen, das im Abitur ohnehin strenger bewertet als manches andere Land und vergleichsweise wenige Einser-Abiture (nur 0,9 Prozent) verzeichnet, hat eine Durchfallerquote von 4,5 Prozent. In Bayern haben 3,5 Prozent nicht bestanden.

          Anteil der Einserabiture gestiegen

          Und in Baden-Württemberg fielen 2017 an den privaten und öffentlichen allgemeinbildenden Gymnasien 2,1 Prozent durchs Abitur, 1990 waren es aber noch 2,6 Prozent. Deutlich verringert hat sich die Durchfallerquote dort erst vom Jahr 2004 an. Bei den öffentlichen und privaten beruflichen Gymnasien Baden-Württembergs lag die Zahl nach Angaben des Statistischen Landesamtes 2017 bei 4,7 Prozent, das sind deutlich mehr als im Jahr 1990 (2,9 Prozent). Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte dazu: „Nicht für jedes Kind ist das Gymnasium die geeignetste Schulart. Deshalb ist für mich zentral, dass wir Eltern und Schüler noch intensiver über die vielseitigen Bildungswege informieren und den Stellenwert der beruflichen Bildung als alternativen Weg zu Abitur und Hochschulstudium verbessern.“ In Hessen, das 2017 noch 3,6 Prozent Durchfaller verzeichnete, haben im vergangenen Jahr 4,1 Prozent der Abiturienten nicht bestanden. 2,1 Prozent haben einen Durchschnitt von 1,0 erreicht. In Thüringen waren es 2,6 Prozent. Bundesweit schafft jeder vierte Abiturient ein Einser-Abitur. Damit ist der Anteil der Einserabiture im Vergleich zu den Vorjahren noch einmal gestiegen.

          Inzwischen braucht ein Abiturient nicht einmal mehr die Hälfte der Maximalpunktzahl in der Oberstufe, um das Abitur zu bestehen. Von 40 Kursen sind nur 32 im Abitur einzubringen. Die meisten Oberstufenschüler belegen deutlich mehr Kurse, damit sie sich außerhalb der Pflichtkurse auswählen können, welche Kurse sie nicht in die Abitur-Berechnung einbeziehen. Die Vorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, hat deshalb gefordert, deutlich mehr Kurse einzubringen, weil damit klarer würde, ob Schüler in der Oberstufe kontinuierlich gearbeitet haben. Mathematik, Deutsch und eine fortgeführte Fremdsprache müssen im Abitur in allen Ländern verbindlich bestanden werden.

          Insgesamt haben im Jahr 2017 rund 440.000 Schüler die Hochschul- oder Fachhochschulreife erworben. Das waren laut Statistischem Bundesamt drei Prozent weniger als im Vorjahr (minus 14 .000). Die Anzahl der Studienberechtigten insgesamt ist also nicht wesentlich gestiegen. Im Jahr 2007 waren es auch schon 434.000. Man wird also nicht behaupten können, dass die höhere Durchfallerquote mit einer gestiegenen Abiturientenzahl zusammenhängt.

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