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Hochschulzugang : Mehr Durchblick wagen!

  • -Aktualisiert am

Studenten auf dem Weg zur Universität Bild: Jonas Wresch

Liegt es an fehlender Information, dass relativ wenige Arbeiterkinder studieren? Mehr Übersicht im Dschungel der Hochschulzulassung könnte jedenfalls nicht schaden.

          Warum studieren Arbeiterkinder mit Abitur seltener als solche mit akademisch gebildeten Eltern, obwohl sie doch bereits die Berechtigung dazu erworben haben? Nun ist die soziale Selektivität der Schulen unbestritten. Strittig ist eigentlich nur, ob es irgendein Schulsystem gibt, das die Bildungsunterschiede zwischen den Familien jemals ausgleichen könnte.

          Dass es aber Arbeiterkinder gibt, die sich trotz aller Widrigkeiten und Nachteile ihrer Bildungsherkunft bis zum Abitur durchgebissen haben und dann doch nicht studieren wollen, gilt unter Bildungsforschern wie Bildungspolitikern als Ärgernis. Dass hinter einer Entscheidung gegen das Studium wohlüberlegte Gründe stehen könnten, dass man sie sogar als einen Akt von informierter Selbstbestimmung deuten könnte, gilt als geradezu absurde Annahme. Und die Vorstellung, dass Talente tatsächlich an eine schlichte Berufsausbildung vergeudet werden könnten, als gesellschaftspolitisch unerträglich. Doch muss aus dem Erwerb der Hochschulreife auch gleich die Pflicht zum Studium abgeleitet werden? Muss auch, wer kann?

          Insbesondere gilt das für Aufsteiger aus „bildungsfernen“ Familien. Die Zähigkeit eines Arbeiterkindes mit Abitur scheinen es für eine erfolgreiche akademische Karriere geradezu zu prädestinieren. Verweigert es sich dieser dennoch, muss das an anderen Barrieren liegen. Mitarbeiterinnen des Berliner Wissenschaftszentrums (WZB) haben diese jetzt gefunden. Es sind die formalen Zulassungsbeschränkungen der deutschen Hochschulen, genauer: die Verwirrung, die sie unter den Studienberechtigten anrichten. Die These der WZB-Forscherinnen Claudia Finger, Cindy Fitzner und Judith Heinmüller ist nämlich, dass auch diese Verwirrung sozial geschichtet ist. Die Unübersichtlichkeit der Hochschulzugänge sei für Familien ohne Hochschulerfahrung größer als für akademisch vorgebildete Familien. Studieren Arbeiterkinder also einfach seltener, weil sie oder ihre Eltern bei den Bewerbungsverfahren schlicht nicht durchblicken?

          Unübersichtliche Lage

          Auf der Basis von Daten des Berliner Studienberechtigten-Panels Best Up haben die Autorinnen der Studie zunächst versucht, einen Gesamtüberblick über die tatsächlichen Beschränkungen des Zugangs zu den deutschen Hochschulen zu erstellen. Basierend auf den Angaben der Best-Up-Befragten, enthält dieses Panel Informationen zu Zugangsregelungen von über 400 Studiengängen. Fazit der Autorinnen: Auch wenn die Zahlen des Panels leicht verzerrt sein dürften, liege der Anteil an tatsächlich völlig zulassungsfreien Studiengängen bei nur noch fünfzehn Prozent. Nur noch zu dieser Minderheit der Studiengänge an deutschen Hochschulen öffne das Abitur automatisch die Tür.

          Diese 85 Prozent wären deutlich mehr als beispielsweise beim „Hochschulkompass“ der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), der rund vierzig Prozent des grundständigen Studienangebots als örtlich zulassungsbeschränkt ausweist. Hierzu zählen Eignungsfeststellungsverfahren wie in Kunst und Sport, aber auch Eingangstests, Arbeitsproben, Fremdsprachenkenntnisse, Auswahlgespräche und Zugangsbeschränkungen in Form eines Numerus clausus. Örtliche Hürden zum begehrten Studienplatz seien allerdings stark fragmentiert, äußerst unübersichtlich und nirgendwo zentral dokumentiert.

          Unterschiedlicher Informationsgrad

          Dass die Autorinnen der Studie deshalb ein zentrales Informationsangebot zu allen Zulassungsbeschränkungen an den deutschen Hochschulen fordern, ist nachvollziehbar. Der Hochschulkompass der HRK sei eine „gute erste Anlaufstelle“, besser aber wäre die flächendeckende Teilnahme der Hochschulen am Dialogorientierten Serviceverfahren der Stiftung Hochschulzulassung. Die Autorinnen wollen ihre Studie auch ausdrücklich nicht als ein prinzipielles Plädoyer gegen eine aktive Rolle der Hochschulen bei der Auswahl ihrer Studenten missverstanden sehen. Sie behaupten nur, dass dieser Informationsmangel sozial selektiv wirke, und unterstellen damit, dass besagte Arbeiterkinder mit ihm generell schlechter zurechtkämen als Akademikerkinder.

          Belege für diese These bleiben sie allerdings schuldig. In einer älteren Publikation von 2016 konnte mit den Daten des Best-Up-Panels nur nachgewiesen werden, dass der Informationsgrad von Abiturienten über Kosten und Nutzen eines Studiums je nach Bildungshintergrund der Familie deutliche Unterschiede aufweist. Insbesondere halten Arbeiterkinder die Finanzierung eines Studiums für viel schwieriger als die Akademikerkinder.

          Man könnte also sagen, dass der bildungsbürgerliche Habitus „Du musst studieren!“ so manchen Zweifel am Sinn einer akademischen Ausbildung gar nicht erst aufkommen lässt. Die monierte Chancenungleichheit ist insofern eher eine Ungleichheit der Motivation bei an sich gleichen Chancen. Und diese Ungleichheit ließe sich tatsächlich durch mehr Informationen über die langfristigen Einkommensvorteile des Studiums verringern, was die Befunde des Best-Up-Projektes nachgewiesen haben. Dass Beschränkungen des Hochschulzugangs aber generell sozial selektiv wirkten, und nicht etwa wie beabsichtigt selektiv je nach vorhandenen Fähigkeiten und Eignungen für einen bestimmten Studiengang, bleibt nachzuweisen.

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