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Meditation an der Uni : Und jetzt bitte an eine Zitrone denken

  • -Aktualisiert am

Bild: Stefanie Silber

Auf einem Kongress in Frankfurt werden Professoren und Lehrer in die Kunst der Meditation eingeführt. Welchen Nutzen kann sie im Unialltag entfalten, gibt sie der Reflexion eine neue Qualität?

          „Na mu kwan se um bo sal.“ 20 Menschen sitzen im Kreis und singen die Silben wieder und wieder. Manche haben die Schuhe ausgezogen und knien auf Yogamatten. Andere sitzen mit geschlossenen Augen auf Plastikstühlen. Die Meditierenden sind keine buddhistischen Mönche, sondern Lehrer, Hochschuldozenten und Professoren. Sie haben sich zu der Tagung „Meditation und die Zukunft der Bildung“ in der Frankfurt University of Applied Sciences getroffen.

          Was in Kopf und Körper geschieht, wenn der Mensch sich in ritueller Versenkung übt, interessiert längst auch die seriöse Forschung. Der Psychologe Richard Davidson konnte 2007 belegen, dass ein dreimonatiges Meditationstraining die Aufmerksamkeit schärft. Außerdem soll tägliches Meditieren für mehr Entspannung und Ausgeglichenheit sorgen. Doch warum sollten solche Techniken an Universitäten und Schulen gelehrt werden? „In der Meditation geht es darum, eine Beziehung zu sich selbst aufzubauen“, sagt Hochschulpräsident Frank Dievernich. „Nur ein klarer, aufgeräumter Geist, der gelernt hat, zu sich selbst aufmerksam zu sein, kann auch in Beziehung zu anderen treten.“ Diese Persönlichkeitsentwicklung sei gerade in Zeiten des digitalen Wandels auch Sache der Hochschulen, meint Dievernich. Die Hochschulen hätten nicht nur die Aufgabe, so viel Wissen wie möglich zu vermitteln, sondern sollten reflektierte Menschen ausbilden.

          Seit drei Semestern bietet die University of Applied Sciences praktische und theoretische Meditationskurse für Studenten an – losgelöst vom Buddhismus oder anderen Religionen. „Die Resonanz ist großartig“, sagt Reiner Frey, Leiter des Projekts. „Es geht darum, sich gedanklich zu entleeren und dann wieder gefasster und klarer in die Welt zu schauen.“ Jeden Morgen nimmt sich Frey zehn Minuten Zeit, konzentriert sich auf seinen Atem und erkundet den Raum hinter den Gedanken. Das Ergebnis: „Ich starte ruhiger und gefasster in den Tag.“

          Selbstreflexion auf dem Stundenplan

          Im Schulalltag oder an der Uni kann das so aussehen: „Denken Sie mal an eine richtig saftige Zitrone“, fordert Vera Kaltwasser die Tagungsgäste auf. In Gedanken gleitet ein Messer durch das Fruchtfleisch, bis der saure Saft langsam heraustropft. Einige Zuhörer müssen schlucken. „Der Gedanke reicht aus, um unsere Speichelproduktion anzuregen. Eine Vorstellung bewirkt also eine körperliche Reaktion.“ Kaltwasser ist Lehrerin an einer Frankfurter Schule und Autorin mehrerer Bücher zum Thema Achtsamkeit. Die Zitronen-Übung macht sie oft mit Schülern. So verstehen die Kinder und Jugendlichen, dass Sorgen oder Ängste Stress auslösen, obwohl es nur Gedanken sind. Im nächsten Schritt lernen sie dann, ihre Stressreaktion zu entschärfen – zum Beispiel, indem sie ihren Atem beobachten, ohne ihn zu verändern.

          Zwei Räume weiter zieht sich Andreas Bertram, Präsident der Hochschule Osnabrück, seine Schuhe wieder an. 20 Minuten hat er zwischen Pädagogen gesessen und ein Mantra aus dem Zen-Buddhismus wiederholt. In ein paar Minuten beginnt der nächste Vortrag, diesmal zum Thema Zen und integrales Bewusstsein. Auch in Osnabrück experimentieren Professoren, Mitarbeiter und Studenten gemeinsam mit Achtsamkeitsübungen. „Ich wollte mir jetzt mal anschauen, wie es die Frankfurter Kollegen so machen“, sagt Bertram.

          Wenn Selbstreflexion jetzt schon auf dem Stundenplan steht: Züchtet man sich dadurch nicht eine neue Generation von Narzissten heran? „Nein“, glaubt der Hochschulpräsident. „Im Gegenteil: Es dient einem größeren Zweck.“ Die Welt verändere sich immer schneller, und das mache vielen Menschen Angst. „Ängstliche, nervöse Menschen neigen dazu, auf Vereinfachung von Populisten hereinzufallen. Diese nutzen die Ängste einfach aus.“ Beim Meditieren sollen die Studenten lernen, ihre eigenen Gefühle und Konflikte zu durchschauen. „Das macht es leichter, mit Andersdenkenden in ein konstruktives Gespräch zu kommen.“

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